Mr. Tagesthemen über Francke, Halle und die Moral

Eines der bekanntesten Tageschau-Gesichter im TV: Ulrich Wickert (Foto: Bruno Delessard)

Ulrich Wickert ist schon seit vielen Jahren nicht mehr als Nachrichtensprecher im Fernsehen zu sehen, was aber nicht heißt, dass er sich zur Ruhe gesetzt hat. Herr Wickert schreibt Bücher, hält Vorträge, redet der Welt ins Gewissen, engagiert sich für Kinder und wird gelegentlich mit Preisen überhäuft. Am 14. Februar 2012 war er in den Franckeschen Stiftungen bei den 7. Hallenser Gesprächen zu Gast, um über Gott und die Welt und sein neues Buch „Redet Geld, schweigt die Welt“ zu sprechen. Kulturfalterredakteur Martin Große sprach mit ihm über Halle, Nachrichten, Moral und sein Engagement.

Kulturfalter: Herr Wickert, was kennen Sie von Halle oder was verbinden Sie mit der Stadt?

Ulrich Wickert: In Halle war ich zum ersten Mal kurz nach der Einheit zu einer Lesung im Theatercafé. Es war sehr spannend, denn mein Buch, das ich zu der Zeit herausgegeben hatte, hieß „Angst vor Deutschland“. Und: natürlich ist Halle die Geburtsstadt von Hans-Dietrich Genscher!

Halle ist nicht gerade eine Metropole. Fällt Ihnen aus Ihrer Zeit als Nachrichtensprecher noch eine Nachricht/Anekdote zu Halle ein?

Nein, wirklich nicht. Aber darüber sollten die Hallenser nicht traurig sein, denn meistens kommt man nur dann in die Nachrichten, wenn es einen schrecklichen Brand oder ähnliches zu melden gibt.  

Bei welcher Nachricht hätten/haben oder würden Sie sich weigern diese zu verlesen?

Ich würde mich stets weigern, Nachrichten zu verkünden, die die Würde des Menschen verletzen. Und das habe ich auch während meiner Zeit bei den Tagesthemen so gehalten.

Welche Nachricht würde Sie dazu bringen, sich noch einmal vor den Teleprompter zu setzen und diese zu verkünden?

Da reicht meine Phantasie leider nicht aus. Ich finde, jede noch so gute Nachricht (und nur das könnte ich mir als reizvoll vorstellen) kann auch jeder andere verkünden.

Das Unwort des Jahres 2011 ist „Dönermorde“. Welches Wort ist Ihr persönliches Unwort des Jahres und warum?

Das Wort „Unwort“ ist für mich so grässlich, dass ich es an erster Stelle nennen würde.  

Wie erklären Sie einem vierjährigen Kind, was moralisches Handeln ist?

Ein vierjähriges Kind versteht den Begriff „Moral“ sicher noch nicht. Aber jedes Kind versteht, was gut und was nicht gut ist. Und das kann jeder mit Geduld und Überzeugung auch schon kleinen Kindern erklären.

„Wir müssen den Werten wieder einen Wert geben; Anstand, Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft und Solidarität sind Grundpfeiler des Zusammenlebens.“ – lautet eine der Kernaussagen Ihres Buches „Redet Geld, schweigt die Welt“. (Zitat von Ihrer Website) Wenn Sie sagen „wieder“ würde das heißen, dass dies in der Geschichte der Menschheit schon einmal so war. Das würde in den allgemeinen Stammtischreim „Früher war alles besser“ passen. Ist aber die Geschichte der Menschheit nicht ein komplettes Gegenteil dessen? Gab es eine Zeit, in der „Anstand, Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft und Solidarität“ die Grundpfeiler einer Gesellschaft waren?

In unserer eigenen Geschichte brauchen wir gar nicht weit zurückschauen, da haben in den 12 Jahren der Nazi-Herrschaft keine dieser Werte mehr gegolten, und in den Jahren der DDR-Diktatur war es nicht viel besser. Aber schauen wir auf die Geschichte, so wäre es falsch zu behaupten, Anstand, Ehrlichkeit etc. hätten kaum gegolten. Seit dem Mittelalter haben sich viele (nicht alle) in der Wirtschaft an die Regeln des „Ehrbaren Kaufmannes“ gehalten. Denken Sie an die sozialen Einstellungen der Fugger als hervorragendes Beispiel!

Haben Sie schon einmal unmoralisch gehandelt und wie sind Sie damit umgegangen?

Hier ziehe ich den Joker und verweigere jede Antwort. Bitte wenden Sie sich an meinen Anwalt!

Sie haben sich für einen Beitrag über August-Herrmann Francke, den man in den Franckeschen Stiftungen in der Dauerausstellung sehen und hören kann, mit dem berühmten Hallenser beschäftigt. Ist August-Herrmann-Francke ein Vorbild für moralisches Handeln?

Ein ganz klares „Ja“ würde ich da sagen.

Ihre Stiftung lobt einen „Journalistenpreis für Kinderrechte“ aus. Unter anderem gibt es einen Sonderpreis für einen Beitrag zu den Rechten von Mädchen. Warum gibt es keinen Preis für einen Beitrag zu Rechten von Jungen?

Da haben Sie vielleicht die Ankündigung nicht genau gelesen. Kinderrechte betreffen ja Jungen und Mädchen. Nur gibt es zusätzlich noch einen Preis zum Thema Kinderrechte von Mädchen, da sie häufig in vielen Teilen der Welt besonders benachteiligt werden.

Wie ist die bisherige Resonanz auf den Aufruf und lesen Sie einige von den eingereichten Beiträgen?

Die Resonanz ist hervorragend, und da ich ja in der Jury sitze, werde ich auch die Beiträge anschauen.

Herr Wickert, vielen Dank für das Interview.
(Martin Große, Kulturfalter Februar 2012)

 

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