Neue Blätter am Traumzauberbaum

Die Traumzauberbaum-Poetin Monika Ehrhardt-Lakomy wird im September 70 Jahre jung. Zeit und Anlass für ein Interview mit der Powerfrau, die nie stillzustehen scheint, ihre Arbeit liebt und dabei grundsympathisch bleibt! Kulturfalterredakteurin Anne-Marie Holze sprach mit ihr über Texte in Schubladen, Kinderseelen und neue Blätter am Traumzauberbaum.

Ihr Lebenslauf ist relativ bewegt. Auf der erweiterten Oberschule hatten sie eine Maurerausbildung, dann studierten Sie klassisches Ballett, absolvierten auch ein Fernstudium für Kulturwissenschaften – war Balletttänzerin Ihr Traumberuf?

Ich wollte als Kind erstens unbedingt Balletttänzerin werden, zweitens eine berühmte Schriftstellerin, drittens Kapitän oder Architekt. Ich habe Maurer gelernt, kann ich noch, ich habe 17 Jahre getanzt, freie Schriftstellerin bin seit 1981 und Boots- und Seeschein habe ich auch. Was für ein traumhaftes Leben!

Was war damals der Auslöser, zur Autorin zu werden?

Da muss ich ein bisschen ausholen. Mit sechs Jahren, ich wuchs in Thüringen auf, hatte ich eine wunderbare, alte Klavierlehrerin, die früher Sängerin bei Kaiser Franz in Wien war. Sie sprach mit meinen Eltern, ich müsse tanzen. So nahm ich also die ersten Ballettstunden am Theater in Greiz, das Theater in der Nähe. Ich tanzte und spielte dort meine ersten Rollen mit 8 Jahren auf der Bühne, fuhr mit auf Tournee. Das war meine erste prägende Theatererfahrung. In diesem Alter verfasste ich aber auch meine ersten Gedichte, auf meinem Hochsitz im Apfelbaum. Und ich las alles, was mir in die Hände kam. Meine Phantasie, mir Geschichten auszudenken, in die Tiefe und Schönheit der deutschen Sprache einzutauchen, hat mich schon immer begleitet. 1976 lernte ich Reinhard Lakomy kennen. Zuerst nur den Namen: Ich hörte in aus meinem Stern-Kofferradio in meiner Berliner Wohnung, da war ich schon Tänzerin, „Heute bin ich allein“, einen der großen Hits von Lacky Lakomy. Ich war wie vom Donner gerührt, weiß noch, was ich anhatte und dass ich ein Geschirrhandtuch in der Hand hielt. Da sang einer mit der Seele, krachte rein in eine Zeit der Herz-und Schmerz Belcanto-Singerei. Deutsch-Rock in den Anfängen, Udo Lindenberg hat damals noch getrommelt. Kurze Zeit später war mein Ballettensemble auf Tournee und wir waren zufällig im gleichen Hotel wie das Lakomy-Ensemble. Erst hatten wir starke Meinungsverschiedenheiten, dann besuchte mich Reinhard über ein Jahr lang sehr oft in meiner Wohnung, Oranienburger Straße, Berlin-Mitte. Er durfte nur bis in die Küche. Am 20. Februar 1977 entschlossen wir uns zufällig am gleichen Abend: „Jetzt oder nie!“ Er brachte eine Flasche Rotwein mit und ich hatte ihm eine Zahnbürste gekauft. Im November haben wir geheiratet. In meiner Wohnung schaute er zufällig in meine Schreib-Schubladen, entdeckte meine Texte und schimpfte, er suche schon ewig solche Texte für sein Vorhaben, Kinderlieder zu komponieren und ich hätte sie rumliegen! Er hat meine Begabung sofort erkannt, wollte nur noch mit mir arbeiten. Und so kam unsere Symbiose zustande, er komponierte, ich schrieb, er vertonte alle meine Texte. Die Zeit der Bescheidenheit ist heute vorbei (lacht). Jetzt kann ich mich nicht mehr hinter Lacky verstecken. Nicht er schrieb die Texte und die Geschichten, das war ich alleine.

Was glauben Sie, warum war der Traumzauberbaum so ein Erfolg?

Es gibt kein Rezept dafür, sonst würden alle nur Erfolge erfinden. Aber ich denke es sind drei Dinge, die alles zu einem Gesamtbild malen. Es ist einmal die Harmonie in der Geschichte, eine runde Geschichte, ein Traumzauberbaum als Zentrum und zwei Waldgeister-Figuren, die erheblichen Unsinn anstellen, aber es geht natürlich gut aus. Dann ist da die geniale Könnerschaft der Kompositionen mit den orchestralen Arrangements bei der Vertonung der poetischen Liedtexte. Und dazu die drei besonderen Gesangsstimmen, Reinhard Lakomy, Angelika Mann und Vroni Fischer. Die Gesamtheit dessen macht wohl den Erfolg aus. Es entstand damit ein neues Genre: Kunst für Kinder. So bisher nicht dagewesen im deutschsprachigen Raum. Vier Generationen hören inzwischen diese CD-Geschichte mit den Geschichtenliedern vom Traumzauberbaum.

Gibt es für Sie einen Trick, kindsgerecht zu schreiben?

Ich schreibe in erster Linie gar nicht für Kinder. Ich schreibe für mich. Ich kann die Welt mit Kinderaugen sehen. Lacky und ich haben auch nie unsere Lieder an Kindern getestet. Sie mussten nur uns gefallen, unser Anspruch war hoch. Und in zweiter Linie sind alle meine Geschichten auch für Erwachsene. Deshalb sind sie wohl auch über Generationen so beliebt. Dazu Lackys Stimme und seine Kompositionen, die sind genre- und generationsübergreifend, zeitlos genial.

Wenn Sie die Texte schreiben, für Ihre Bühnenstücke, haben Sie schon Bilder im Kopf? Wie eng ist die Zusammenarbeit mit Kostüm und Kulisse?

Ich habe immer Bilder im Kopf. Bei 36 Grad auf meiner Lieblingsinsel Elba haben wir zwei Weihnachts-CD´s geschaffen. Ich kann mich in ein Thema sofort hineinfühlen. Doch natürlich ist Stückentwicklung für Theater immer ein Prozess. Bei den Proben verändern sich Texte, Gags und Ideen meines Ensembles fließen mit ein. Es ist eine Freude, mit so einem wunderbaren Ensemble, wie ich es habe zu arbeiten. Auch nach der Premiere, nach den Aufführungen reden wir darüber und bauen immer weiter Spielerfahrungen ein. So bleibt die Spielfreude erhalten, das spürt das Publikum. Da wird nicht einfach etwas routiniert abgeliefert. Jede Aufführung lässt das Publikum spüren, dass die da auf der Bühne richtig Spaß haben. Die Kostüme und Perücken entwerfe ich und lasse sie anfertigen, ebenso die Kulissen. Aber immer beziehe ich mein Ensemble mit ein. Die Mädels müssen sich ja wohlfühlen und die Techniker müssen die Bauten transportieren können.

Mit "Der Traumzauberbaum und das blaue Ypsilon" geht die Reihe weiter. Können Sie kurz beschreiben, worum es geht?

"Das blaue Ypsilon" hat eine Vorgeschichte. Da kamen zwei Herren vom hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und gaben uns den Auftrag, ein Musical zur Leseförderung zu schreiben. Dann war erstmal Ruhe – denn mir fiel nichts ein. Eigentlich fällt mir immer sofort etwas ein! Ich hatte schlechte Laune und war kaum zu ertragen. Aber dann, nach acht Tagen, kam der Geistesblitz. Wenn ein Buchstabe aus dem Alphabet abhaut, was passiert dann... Das Musical wurde ein großer Erfolg, ich habe es selbst im Staatstheater Wiesbaden inszeniert. Diese Geschichte um einen abhanden gekommenen Buchstaben habe ich jetzt überarbeitet für mein Ensemble. In dieser neuen Bühnenshow springt das Ypsilon heraus aus dem Lexikon, mitten hinein in die abenteuerliche Lesenacht vom Traumzauberbaum.

Was ist für Sie das Spannendste an dem neuen Teil?

Wie die Kleinen, die noch nicht schreiben können, die Luftschrift begreifen. Sie schreiben ihre Namen in die Luft mit Luftschrift, natürlich kann das Moosmutzel lesen und niemand kann behaupten, sie hätten was falsch geschrieben. Sie überlisten damit auch die Alrune, fiebern mit, retten das Ypsi. Und am Ende des Stückes wollen alle Kinder sofort lesen lernen. Bei der Autogrammstunde erzählen sie, das Ypsilon sei nun ihr Lieblingsbuchstabe.

Das Musical wird auch als Mitmachmusical beschrieben. Inwiefern kann man mitmachen?

Ja, das ist unser Markenzeichen. Bei allen Stücken meines Ensembles ist es unbedingt wichtig, dass die Kinder einbezogen werden. Sie sind Teil des Programms, dürfen auf der Bühne mittanzen, dazwischenrufen, werden gebraucht für Konfliktlösungen. Am Schluss haben sie das Gefühl, die Geschichte mitgetragen zu haben. Das ist für Kinder ganz wertvoll, ein Teil des Ganzen sein zu dürfen.

Der Traumzauberbaum spielt im Friedrichstadtpalast, Wittenberg oder Ballenstedt – gibt es für Sie einen Lieblingsort?

Ich liebe intime alte Theater wie z.B. Freiberg, Gera oder Wittenberg. Das sind schöne Theaterbauten schon von außen, dann innen bordeaux-farbener Samt und vergoldetes Holz, aus Zeiten, als Theater der gesellschaftliche Mittelpunkt der Stadt und ihrer Bürger waren. Da passen zwar nicht tausend Leute rein, aber die Kinder sind einfach näher am Geschehen, trauen sich auf die Bühne, fühlen sich wohl in so einem Gebäude, kommen fein verkleidet zur Vorstellung. Tournee-Ensembles wird es aber immer schwerer gemacht, in Theatern aufzutreten. Das ist ein Fehler der Kulturpolitik, den wachsenden Sparmaßnahmen geschuldet. Theatern werden Gastspiele nicht mehr auf ihre Besucher-Auslastung angerechnet, die ja für die Subventionen maßgeblich ist. Wir hatten immer ausverkaufte Häuser. Nun haben die Theater logischerweise mehr Interesse, möglichst nur eigene Stücke zu spielen, gerade zu Weihnachten und an Feiertagen, wenn die Leute gern mal ins Theater gehen. Natürlich spielen wir auch in Kulturhäusern, Vogtlandhalle, Konzerthallen, aber Sie fragten ja nach Lieblingsorten. Theater haben eben eine andere Atmosphäre, sind für Kinderseelen wie ein Märchen zum Anfassen.

Welche sind andere Projekte neben dem Traumzauberbaum?

Irgendwie fließt doch letztlich alles in die Marke ein, auch wenn das nicht direkt Traumzauberbaum heißt. Ich habe letztes Jahr meine erste CD, „Die Sonne“, ohne Reinhard Lakomy in meinem eigenen neuen Studio produziert. Die Musik ist ganz und gar aus seinem Nachlass und ich habe auf sehr komplizierte Weise seine Stimme von Tonbändern extrahieren können. Natürlich nicht alleine, hallo Schmidtl! Und so ist sie auch zu hören. Lacky ist also dabei! "Die Sonne" ist der dritte Teil der Trilogie "Die Erde soll ein Garten sein". Dazu gehören die CD´s "Der Wasserkristall" und "Der Regenbogen". Das sind auch Theaterstücke. Die Landesbühne Sachsen hatte sich gleich die Rechte an der Uraufführung "Die Sonne" gesichert, Premiere war im Juni dieses Jahres. Auf der schönsten Felsenbühne Europas, in Rathen, war das ein großer Erfolg. Nächsten Sommer geht es dort weiter. In dem neuen Studio wird auch das Traumzauberbaum- Archiv eingerichtet, in dem unser gemeinsames Lebenswerk, unser Leben überhaupt, archiviert wird, auch die Musiken von Reinhard Lakomy außerhalb der Musik für Kinder. Das sind seine Electronics, seine Film- und Ballettmusiken. Das ist ein gewaltiges Vorhaben. Dort können Musikstudenten oder angehende Musiklehrer Schätze finden. Dann stemmte ich diesen Sommer zwei Schulinszenierungen, die ich jeweils alle zwei Jahre mit der Schule in Berlin-Blankenburg und alle drei Jahre mit der Grundschule „Wolkenstein“ in Berlin Pankow ein halbes Jahr lang erarbeite. In diesem Jahr fiel beides zusammen. Jeweils 450 Kinder, alle beteiligt, professionell mit Licht und Ton und großer Bühne. Die Kinder lernen dabei so viel: wie man sich bewegt, spricht, sich darstellt, wie unterschiedlich Kopftext und Bühnentext sind, und! (lacht) Kunst kommt von Können, ist mit viel Mühe verbunden. Vor allem lernen sie Gemeinsinn, denn es wird nur gut, wenn alle gut sind. Sie fangen an, sich zu helfen. Das kann ein Unterricht gar nicht leisten. Für das Land Thüringen ist ein großes Projekt geplant mit der Unterstützung der Landesregierung und kompetenter Mitstreiter aus dem Bildungsbereich. Da geht es um eine besondere Schulinszenierung auch im Hinblick auf das europäische Kulturjahr 2018. Und ich sitze an einem Drehbuch für einen Kinofilm, das Drehbuch habe ich auf Elba geschrieben, gerade abgeschossen, nun muss meine Filmfirma ran. Was noch, ja, ich habe den Musikverlag „Lacky-Musik“ gegründet, Und habe die gemeinnützige Traumzauberbaum GmbH ins Leben gerufen. Sie soll die musische Bildung fördern und die deutsche Sprache pflegen und vermitteln. Zu tun habe ich wahrlich genug, keine Zeit für Wehmut.

Wie geht es mit dem Traumzauberbaum weiter?

Traumzauberbaum forever! Es wachsen immer neue Blätter. Ich sehe da nicht "nur" die CD „Der Traumzauberbaum“, sondern das gesamtes Oevre, alle 14 CD´s stehen unter diesem Label. Ich habe auch schon eine neue CD im Kopf, aber eins nach dem anderen. Zuerst einmal schreibe ich für die nächste Sommersaison ein neues Bühnenstück für mein Ensemble "Schatzsuche im Traumzauberwald", Hits aus 40 Jahren Geschichtenliedern. Es soll für große Stadtfeste geeignet sein, das sind andere Voraussetzungen als bei einem Musical. Kurze Aufbauzeiten für die Bühnentechnik, Laufpublikum, man muss leicht in die Handlung hineinkommen und ein Feuerwerk an Musik erleben, ohne den roten Faden zu verlieren. Meine tüchtige Agentur in Leipzig muss jetzt schon anfangen, das neue Stück zu verkaufen. Und überhaupt, ohne meine Agentur geht gar nichts.

Wir sind gespannt. Vielen Dank Frau Ehrhardt-Lakomy für das spannende Interview!