Lisa Simone - Man braucht die Aufs und Abs

Jazzmusikerin Lisa Simone will die Besucher ihrer Konzerte zum lächeln bringen. (Foto: Boris Bassdef, Cultourbuero Halle)

Die in Amerika geborene Jazz-Sängerin Lisa Simone hat 2016 ihr zweites Soloalbum veröffentlich und damit ihren Durchbruch geschafft. Sie ist die Tochter der Jazz-Diva Nina Simone und begann ihre Solokarriere erst im Alter von 52 Jahren. Vor ihrer Musikerinnenkarriere war sie als Soldatin in Frankfurt am Main stationiert, ihre Kindheit verbrachte sie unter anderem in Liberia, heute lebt sie in Frankreich. Neben ihren zahlreichen Eigenkompositionen finden sich auf dem Album auch Coverversionen von Songs ihrer Mutter, die sie auf sehr persönliche Art und Weise neu interpretiert. Kulturfalter-Redakteur Martin Große interviewte die Sängerin, die das diesjährige Women in Jazz-Festival eröffnet, via Skype.

Kulturfalter: Was wissen Sie von Halle?

Lisa Simone: Von Halle weiß ich nichts. Ich freue mich sehr, dass ich zum Festival eingeladen wurde. Ich kenne in Deutschland nur Frankfurt am Main, denn dort war ich stationiert. Das ist schon lange her.

Der Name des Festivals lautet „Women in Jazz“. Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere an „weiblichem“ Jazz?

Meine Mutter ist eine klassische Jazz-Musikerin, aber seit der Zeit, als ich ein Kind war, hat sich die Musik und ebenso die Definition von Jazz geändert. Für mich heißt Jazz Freiheit und ist kein bestimmter Sound. Meiner Meinung nach will Musik nicht kategorisiert werden. Sie gibt die Möglichkeit, Künstler zu sein, egal ob Mann oder Frau. Vielleicht ist weiblicher Jazz wahrhaftiger, genau kann ich es nicht beschreiben.

Sie sind Opener des Festivals, worauf können sich die Besucher freuen?

Ich mache das, was ich überall mache – meine eigene Musik. Ich bin nicht die musikalische Erbin meiner Mutter. Ich sprang in Ninas Pool, da war es notwendig, dass ich ich bin, und ich musste mir versprechen, immer ich zu sein und meine Erfahrungen in die Musik einzubringen. Das Leben und die Musik meiner Mutter waren schwer. Aber ich lebe jetzt, und meine Musik ist leicht. Ich bin anders – und diesen Unterschied werden die Besucher entdecken. Ich verspreche, jeder Besucher wird das Konzert mit einem Lächeln verlassen.

Sie haben vor Ihrer Musikerkarriere schon ein umfangreiches berufliches Leben, war es schwer, das zu beenden und neu durchzustarten?

In meinem Kopf war das sehr einfach. Aber in der Realität war es schwer. Singen ist mir schon immer leichtgefallen, und ich habe immer positive Rückmeldung bekommen, wenn ich gesungen habe. Das war gerade am Anfang sehr gut und notwendig. Aber das Musikgeschäft ist extrem schwierig. Gerade als meine Mutter starb, drehten sich die Gespräche immer wieder um sie. Und alle fragten „Warum hast du so lange gewartet?“ Aber ich musste zuerst meinen Sound und meine Stimme finden. Ebenso brauchte ich die Kraft, an mich zu glauben. Es war eine lange Reise bis hierher, und ich bin stolz, dass ich nicht aufgehört habe zu kämpfen. Man muss die Aufs und Abs im Leben mitnehmen, damit sich Träume verwirklichen.

Sie starteten mit über 30 Jahren Ihre Karriere am Broadway. Sicher waren doch viele Ihrer Kollegen wesentlich jünger, war das ungewohnt oder besonders schwer?

Ich war einer der Älteren, aber war immer sportlich aktiv und sehe jünger aus, als ich bin. Meine Tochter ist jetzt siebzehn, und sie ist auch talentiert, nach solchen Talenten schauen sie dort. Wenn du nicht fit bist, dann hauen sie dich raus. Der Broadway ist ein Zirkus, es gibt Gerede, Neid und Missgunst. Ich habe dort viel gelernt für meinen Job, eigentlich alles – und nur, weil ich an meine Stimme geglaubt habe. Im Nachhinein betrachtet war mein Alter gut, denn es war hart. Wenn ich jünger gewesen wäre, dann hätte es mich gekillt. Der Broadway war eine Trainingsrunde. Hier wurde ich Entertainer.

Nach der Emanzipation von Ihrer Mutter sind Sie nun Headliner auf einem Festival. Fühlen Sie sich aus Ihrem Schatten herausgetreten?

Das ist interessant zu hören, denn es ist meine Mutter, verstehen Sie, und die Bindung ist natürlich. Früher sagte ich, der Name schützt mich vor der heißen Sonne. Nun kann ich sagen „Ja, ich bin aus dem Schatten getreten“. Die Welt sah mich nicht als eigenen Menschen oder freien Künstler. Nun sieht mich die Welt als eigenständigen Künstler, und wir können eine richtige Konversation auf Augenhöhe führen.

Beeinflusst Sie Ihr vorheriges Leben heute immer noch?

Das Business hat sich in den letzten zwanzig Jahren geändert. Früher hattest du Labels und es gab Plattendeals. Heute kann jeder von zu Hause aus Musik machen und du musst mitgehen und wachsen. Ich kann auf ein langes Abenteuer zurückblicken und dafür bin ich dankbar. Ich habe neulich eine Notiz aus dem Jahr 1993 mit Pro und Contras gefunden. Pro`s waren mein Traum, meine Stimme, wie ich am Mikrofon bin. Contras waren: kein Deal, kein Geld, kein Auto. Wenn ich sehe woher ich gekommen bin, inspiriert mich und bekräftigt mich das, nicht aufzugeben.

Lisa Simone´s Album bei Youtube

 

Ihr Lebensweg zeigt, dass man sich auch „spät“ im Leben seine Träume erfüllen kann. Fühlen Sie sich als Vorbild und werden Sie oft darauf angesprochen?

Gefragt werde ich nicht oft danach. Im Gegenteil, ich habe viele Frauen getroffen, die es ebenso gemacht haben, wie ich. Ich habe Wall-Street-Frauen in den 30ern getroffen, die ihr komplettes Leben geändert haben. Ich hoffe, dass meine Reise viele Menschen inspirieren kann. Ich möchte jeden ermutigen, das zu machen, was ihn glücklich macht. Jeder Mensch sollte sich fragen, was er auf dieser Welt machen möchte. Was möchte man zurückgeben. Die Beziehung zu dir beginnt im Herzen. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich wieder alles genau so machen.

Haben Sie Musiker die Sie inspiriert haben?

Oh mein Gott. (lacht) Ja da gibt es eine lange Liste. Chacka Khan, meine Mutter, The Commodores, Bette Midler, AC DC, Cat Stevens, Marvin Gaye, Earth Wind and Fire, Joyce Kennedy, Prince, Tina Turner, Aretha Franklin. Und es gibt sicher noch mehr.

Einige junge Jazz-Nachwuchs-Talente mixen Jazz mit Hip Hop, Trip Hop, elektronischer Musik oder anderen Stilen. Wie stehen Sie dazu?

Musik ist universell. Sie gehört nicht in eine Schublade. Es ist verrückt, was manche DJ`s aus den Stücken machen können. Das ist großartig und haut mich manchmal echt aus den Socken.

Wie würden Sie Ihre Musik beschreiben?

Es ist gute Musik. (lacht) Es ist Musik für die Seele. Einige Freunde erzählten mir, dass sie meine Musik gehört haben, als es ihnen schlecht ging und danach fühlten sie sich besser. Das ist "Wow". Das hätte ich mir nicht erträumt.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, mit welchem Star würden Sie gern auf der Bühne stehen?

Mit meiner Mutter auf jeden Fall. Ich würde gern mit ihr am Piano sitzen und singen, wir brauchen nicht reden, nur singen. Mit meiner Tochter würde ich auch gern singen, aber diese Zeit wird kommen. Ich bräuchte viele Wünsche (lacht), denn da wären noch Tina Turner, Aretha Franklin und Chaka Khan. Ebenso fragen mich auch andere, ob ich mit ihnen singen könne, dass find ich unglaublich schön.

Was ist ihr nächstes Projekt, Album?

Ich würde gern etwas Rockiges machen. Aber zuvor plane ich etwas mit afrikanischen Rhythmen.

Frau Simone, vielen Dank für das Interview.