Burg-Absolventin und Kunstpreisträgerin Kristina Heinrichs zeigt im Kunstforum Halle ihre Arbeit "Kontaktaufnahme"

Burgabsolventin Kristina Heinrichs erhielt 2014 den Kunstpreis der Stiftung der Saalesparkasse (Foto: Matthias Ritzmann)

Alle Begegnungen, die mehr als zwei Sätze umfassten, gleich ob persönliche Konversation, Briefverkehr, Telefonate, SMS, Dialog oder Gruppentreffen, übersetzte Kristina Heinrichs in grafische Zeichen und entwickelte daraus ein komplexes Notationssystem. Für ihre ungewöhnliche Diplomarbeit „Kontaktaufnahme – Eine Notation“ erhielt die Burg-Absolventin Kristina Heinrichs bereits im vergangenen Jahr den Kunstpreis der Stiftung der Saalesparkasse. Nun folgte der Auszeichnung eine Ausstellung. Über die Idee hinter der Arbeit und die Ausstellung, die vom 5. bis 19. Juli 2015 im Kunstforum Halle zu sehen war, sprach Kulturfalter-Redakteur Sebastian Krziwanie mit der Künstlerin.

Kulturfalter: Frau Heinrichs, einen Preis für seine künstlerische Arbeit erhält man nicht alle Tage. Nun ist die Preisverleihung des Kunstpreises der Stiftung der Saalesparkasse schon gut ein Jahr her. Was hat sich dadurch für Sie verändert?

Kristina Heinrichs: Ehrlich gesagt hat mich der Preis mit der damit verbundenen Anerkennung dazu ermutigt, weiterhin meiner künstlerischen Arbeit nachzugehen. Während meines Studiums habe ich öfter an meinen Arbeiten gezweifelt, weil ich nicht einschätzen konnte, wie ihre Qualität wahrgenommen wird. Der Kunstpreis war eine großartige Bestätigung für meine Art, Kunst zu machen.

Bei der Verleihung des Kunstpreises 2014 im vergangenen Juli haben Sie sich gegen 22 Mitbewerber durchgesetzt. Hatte Sie damals der Gewinn des Preises überrascht?

Absolut. In den letzten Jahren haben die Gewinner ja vorher einen telefonischen Hinweis erhalten. Dadurch, dass ich keinen Anruf erhielt, war ich zu 100 % überzeugt, nicht ausgezeichnet zu werden. Deshalb war es eine große Überraschung und außerordentliche Freude! Tatsächlich ist es der erste Kunstpreis, mit dem ich ausgezeichnet wurde. Für mich war es ein großer Adrenalinmoment und mein Herz hat bis in die letzte Ecke meines Körpers geklopft. Ich war unglaublich aufgeregt. Die letzten Preise, die ich verliehen bekam, waren Hauptgewinne einer Tombola und der Preis eines Vorlesewettbewerbs in der Schule.

Von 2008 bis 2014 haben Sie an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle Buchkunst studiert. Ihre Diplomarbeit „Kontaktaufnahme – eine Notation“ umfasst eigentlich doch aber einen viel weiter gefassten Bereich als dessen, was Ihren Studiengang ausmacht?

Ich komme natürlich ursprünglich vom Medium Buch und bin auch gelernte Buchbinderin. Während meines Studiums hat mich jedoch die Buchkunst zu langweilen begonnen und ich verspürte keinen Drang, Künstlerbücher zu machen oder meine Arbeiten in die Form eines Buches zu zwängen.
Allerdings ist meine Kunst nach wie vor buchkünstlerisch stark geprägt: der konzeptionelle Ansatz, die permanente serielle Arbeitsweise und natürlich die Materialien.

Wie sind Sie auf dieses außergewöhnliche Projekt gekommen? Was war die Idee dahinter?

Mir ging es darum, mich vertiefend mit der ästhetischen Gestalt der Notation auseinanderzusetzen und ein eigenes Notationssystem zu entwickeln, das meinen Anspruch an Funktion und Komplexität erfüllt. Der Inhalt spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Ich habe zu Beginn der Arbeit mit ganz unterschiedlichen Inhalten experimentiert und dabei hat sich das Feld der Kommunikation für mich als gut geeignet herauskristallisiert, weil hier zum einen die zeitliche Komponente eine große Rolle spielt und zum anderen Kommunikation ein schwer greifbarer Gegenstand ist. Mich reizen gerade Inhalte, die nicht auf den ersten Blick zu erfassen sind.

Was sind die größten Herausforderungen dabei gewesen?

Am schwierigsten war es, die Konzeption mit allen Detailfragen abzuschließen. Ich habe zahlreiche Arbeitsproben gezeichnet, wobei ich das Zusammenspiel von mir definierten Regeln, subjektiven Eingriffen sowie die grafische Umsetzung untersucht habe. Diese drei Bereiche letztendlich stimmig und funktional auszubalancieren, war der herausforderndste Teil.

Gibt es eine Statistik, wie viele Gespräche oder andere Arten der Kommunikation Sie für die Arbeit insgesamt geführt haben?

Eine detaillierte Statistik existiert nicht, aber die Protokolle aller gezeichneten Zeiträume und weiterer gibt es, aus der man eine Statistik ableiten könnte. Es dürften ungefähr tausend kommunikative Ereignisse gewesen sein.
Das interessiert mich jedoch nicht besonders, da es mir um keinerlei Vollständigkeit bei den Protokollen oder grafischen Notationen geht.

Wie sind die Reaktionen darauf?

Unterschiedlich. Es gibt sehr positive Resonanz. Viele macht die Arbeit neugierig in Bezug auf ihre Umsetzung und Systematik. Einige wollen das System verstehen, wobei das für mich eine eher untergeordnete Rolle spielt. Ich biete zwar eine Legende zur Lesbarkeit der Grafiken an, sie können aber genauso gut für sich stehen, ohne dass der/die BetrachterIn das System nachvollziehen können muss. Manche können aber auch nicht so viel mit dem hohen Abstraktionsgrad anfangen.

Und was ist letztlich die Quintessenz, die Sie nach Fertigstellung der Arbeit für sich ziehen konnten?

Ich bin sehr zufrieden mit dieser Arbeit – auch unabhängig von dem Kunstpreis – und wie schon gesagt möchte ich meine künstlerische Laufbahn fortsetzen.

Teil des Kunstpreises ist ja die Ausstellung, welche im Kunstforum Halle stattfand. Waren im Rahmen der Schau auch neuere Arbeiten von Ihnen zu sehen?

Leider nein, da die neuen Arbeiten bereits in den Franckeschen Stiftungen zu Halle ausgestellt sind. Sie gehören aber auch zur Serie „Kontaktaufnahme – eine Notation“ mit neuen Zeiträumen und neuen Formationen. Es handelt sich um eine offene Serie, die ich in neuen Lebensabschnitten immer wieder aufgreifen werde. Hochinteressant dabei ist, dass die neuen Grafiken in keiner Weise den Grafiken des Diplomjahres ähneln. Es gab viele Veränderungen in meinem Leben, z.B. wohne ich nicht mehr in einer 4er-Wohngemeinschaft und studiere nicht mehr, sondern habe unter anderem angefangen zu arbeiten, sodass sich meine Kommunikation und die damit verbundenen Notationen grundlegend geändert haben. An dieser Stelle möchte ich den Besuchern der Ausstellung des Kunstforums nahe legen, sich auch die Arbeiten in den Franckeschen Stiftungen anzusehen. Gleiches gilt andersherum.

Wie sehen Sie grundsätzlich Ihre zukünftige künstlerische Arbeit? Welchen Weg wollen Sie als nächstes einschlagen?

Ich werde dem Thema Notation weiterhin treu bleiben, da es eine große Faszination auf mich ausübt. Weiter möchte ich mich der Konzeption von Notationssystemen und der grafischen Gestalt der Notation widmen – jedoch mit neuen Inhalten, Konzeptansätzen und natürlich einer anderen ästhetischen Form. Gerade habe ich mich für verschiedene Arbeitsstipendien beworben und hoffe sehr, dass mir eines davon die zeitlichen und finanziellen Ressourcen schafft, um das nächste Großprojekt angehen zu können. Außerdem bewerbe ich mich für ein Meisterschülerstudium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie es weitergeht, und habe Lust auf mein nächstes Experiment.

Es existiert immer mal wieder der Vorwurf an die Institution Burg Giebichenstein als auch an deren Studierende gerichtet, dass man diese in der Stadt zu selten wahrnimmt. Können Sie diese Einschätzung teilen?

Ganz und gar nicht. Ich finde, die Stadt Halle profitiert sehr stark von ihrer Kunsthochschule, die im ganzen Stadtraum permanent auftaucht. Ich denke, das ist eine große Stärke der Burg Giebichenstein im Vergleich zu anderen Kunsthochschulen, dass sie über sehr viele in der Stadt gestreute, lokale Standorte verfügt. Auch seitens der Studierenden gibt es aus meiner Erfahrung sehr viele Projekte aus eigener Initiative, die in der Stadt präsent sind.

Die Burg feierte 2015 ihr 100-jähriges Bestehen. Wie sehen Sie die traditionsreiche Einrichtung? Was sind Ihre Erfahrungen hier gewesen?

Ich sehe die Burg als sehr besondere Ausbildungsstätte: ein brodelndes, lebendiges Labor voller Ideen und Möglichkeiten. Außerdem ist sie hervorragend ausgestattet in den unterschiedlichsten Bereichen – von historischen Webstühlen zu Rapid-Prototyping findet man hier alles. Meiner Meinung nach könnte jedoch im Fachbereich Kunst der studiengangübergreifende Dialog verstärkt werden. Die einzelnen Studiengänge bzw. Klassen stehen in alter Tradition eher für sich. Das ist angesichts des aktuellen Kunstbetriebs vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäß.

Gibt es einen Rat, den Sie für zukünftige Studierende parat haben?

Experimentiert, was das Zeug hält, und holt Euch viele Meinungen von Lehrenden ein, egal ob aus Kunst oder Design. Aus persönlicher Erfahrung kann ich ein Gastsemester in einem anderen Fachbereich sowie ein bzw. besser zwei Auslandssemester jedem nur empfehlen.

Frau Heinrichs, vielen Dank für das Interview.