Der Komponist der "Tatort"-Melodie spielte in Dessau

Klaus Doldinger und seine Band spielten auf dem Kurt-Weill-Fest in Dessau. (Foto: promo)

Klaus Doldinger ist den meisten wenigstens akustisch bekannt, ist er seines Zeichens doch der Komponist der Titelmelodien für den "Tatort" und die Filme "Das Boot" und "Die unendliche Geschichte". Zum 22. Kurt Weill-Fest gastierte der Musiker mit seiner ebenso bekannten Band "Passport" in Dessau. Kulturfalterredakteurin Maria Hildebrandt sprach mit ihm.

Kulturfalter: Ihre Biografie erzählt vom Einfluss des Jazz im jungen Lebensalter, der Sie in ihrer musikalischen Entwicklung beeinflusste. Gab es auch andere Einflüsse oder Vorbilder, die Sie besonders prägten?

Klaus Doldinger: Ursprünglich wurde ich in den frühen Jahren meiner Kindheit vom Blues geprägt. Kurz nach dem Einmarsch amerikanischer Besatzungstruppen hörte man ihre Bands spielen, die den Blues zusammen mit dem Jazz nach Deutschland brachten. Sicherlich spielte auch die klassische Ausbildung meines Klavierstudiums in meiner Entwicklung eine gewisse Rolle.

Am 1. März 2014 traten Sie mit Ihrer Jazzrock-Formation 'Passport' in Dessau zum Kurt-Weill-Fest auf und präsentierten einige seiner Werke. Was zeichnet Weills Kompositionen Ihrer Meinung nach besonders aus?

Berühmt wurde Weill ja durch die Dreigroschenoper mit dem Text von Bertolt Brecht. Die Thematisierung des sozial-politischen Geschehens wich damals in den 20er Jahren stark vom allgemeinen Trend ab. In einer sehr extremen Form entwickelte der Komponist musikalisch eine große Eigenständigkeit, die er nach seiner Auswanderung in die USA auch weiterentwickelte und die ihn letztendlich auch zu großer Bekanntheit verhalf. So entstanden dort einige seiner größten Hits, wie zum Beispiel 'September Song'.

Waren Ihnen Weills Musikstücke bereits in früheren Stadien ihres Werdegangs bekannt? Wenn ja, bei welcher Gelegenheit wurden Sie auf ihn aufmerksam?

Ja, klar! 'September Song' und andere bekannte Stücke wurden auch im modernen Jazz immer gern interpretiert. Später in den 70er-Jahren habe ich mich dann bewusster mit seiner Musik beschäftigt. Ein wichtiger Titel dabei war unter anderem 'Mack the Knife' aus der Dreigroschenoper.

Wie würden Sie die Entstehung Ihres eigenen musikalischen Schaffens beschreiben?

Das hat sich eigentlich von ganz allein so entwickelt. In den frühen 60ern war ich viel mit meiner Band unterwegs, auch im Ausland. Dadurch erhielten wir unterschiedliche Einflüsse, die man so nicht erlernen kann. Aus einem lebendigen Kontakt mit dem Land verschmolzen Ethno-Elemente mit Elementen des Jazz und der Klassik, was auch als „world music“ bezeichnet wird. Nach unserem Aufenthalt in Marokko entstand zum Beispiel das Album „Passport to Marocco“, das 2005 veröffentlicht wurde. Entscheidend bei solch einer Entwicklung ist jedoch immer, was man selbst aus einem persönlichen Empfinden heraus beisteuert.

Welche Länder haben es Ihnen während Ihrer zahlreichen internationalen Auftritte und Projekte besonders angetan und warum?

Das wären Brasilien und Marokko. Diese Länder haben mich am meisten musikalisch inspiriert.

Bei welchen Themen und Stimmungen fällt es Ihnen am leichtesten, eine originelle Musiksprache zu finden?

Am leichtesten fällt es natürlich, wenn es persönlich ist. Für meine Band schreibe ich viele Titel, da ich hier den größten Raum für Interpretationen habe. Das „Symphonic Project“ von 2011 ist ein gutes Beispiel dafür. Eine andere wichtige Inspirationsquelle sind der Film und das Fernsehen. Ob „Das Boot“, „Die unendliche Geschichte“, „Die wilden Fünfziger“ mit dem Hit „Hurra, wir leben noch“ oder „Peterchens Mondfahrt“, das Fernsehen gibt sehr viel her.

Können Sie sich noch an die Entstehungsgeschichte einer Ihrer berühmtesten Titelmelodien erinnern?

Ja, zum Beispiel von „Das Boot“. Es gab bereits eine Vorgeschichte mit Wolfgang Petersen, dem Regisseur des Films. Wir arbeiteten schon seit einiger Zeit zusammen, unter anderem an einem seiner frühen Werke, dem Krimi „Einer von uns beiden“. Dann eines Tages wurde ihm die Produktion von „Das Boot“ angeboten, bei der es sich um ein recht schwieriges Projekt handelte, denn vor allem die Finanzierung war nicht einfach. Der Romanautor zum Film, Günther Buchheim, war außerdem erst nicht einverstanden mit unserer Umsetzung. Aber es war fast schicksalhaft – der Film wurde ein Erfolg und dem Autor gefiel unsere Arbeit letztendlich umso mehr. Es entwickelte sich sogar eine Freundschaft untereinander.

Welchen Prozess von der Entstehung einer Melodie bis zum öffentlichen Vorspiel finden Sie am spannendsten?

Es ist ja letztendlich eine Arbeit, in der Ideen festgehalten werden. Man hat ein Motiv im Kopf, an das man sich heranarbeitet, bis es ein spielfähiges Stück wird. Viel wird dabei auch wieder rausgestrichen, wie bei einem Maler und seinem Bild. Oder aber man hat eine schlüssige Idee, die sofort überzeugt.

Was denken Sie über moderne Interpretationen Ihrer Melodien?

Es freut mich! Ich denke jeder Komponist ist erfreut, Interpretationen eigener Melodien zu hören.

Gibt es bei Ihnen auch einen Tag, an dem Sie nicht musizieren?

Nein, eigentlich nicht.

An welchen Projekten arbeiten Sie in der nahen Zukunft?

Ich arbeite an einem neuen 'Passport'-Album. Mein Sohn, Nicolas Doldinger, ist Filmemacher und befindet sich zurzeit in New York. Mit einer Drohne, also einer schwebenden Kamera, geht er einen neuen Weg im Bereich der Luftaufnahmen und hält so Manhattan und sein Umfeld fest. Ich schreibe ihm für dieses Projekt die Musik.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Doldinger.
(Maria Hildebrandt, Kulturfalter Februar 2014)