Ein Shooting Star der Jazzszene und gerne zu Gast in Halle

Die argentinische Jazzsängerin Lily Dahab war 2013 zum ersten Mal in Halle. Seit dem kommt sie regelmäßig wieder. (Foto: Natasha Zivadinovic)

Die Argentinierin Lily Dahab gilt als Shooting Star der Jazzszene. Die exzellente Sängerin, deren Stimme schon mal mit leuchtendem Honig verglichen wird, begeisterte schon viele Konzertbesucher durch ihre Leidenschaft, ihre Gefühl und ihre Ausdrucksstärke. Im Februar 2013 war die Kosmopolitin nun zum „Women in Jazz“-Festival in Halle zu Gast und Kulturfalterredakteur Nico Elste nutzte gleich die Gelegenheit und sprach mit ihr über ihre Musik und ihr Album „Huellas“.

Kulturfalter: Man nennt Sie eine Weltbürgerin: in Buenos Aires geboren, in Madrid und Barcelona beruflich Halt gemacht, und nun wohnen Sie in Berlin… Was zog Sie nach Deutschland?

Lily Dahab: Ich bin eh ein Mensch, der nicht lange an einem Ort sein kann. Nach Deutschland zog ich, nachdem ich Bene Aperdannier, meinen Pianisten, Arrangeur und Komponisten, in Münster kennenlernte. Wir spielten dort zusammen in einer spanisch-deutschen Band. Schnell tourten wir durch Deutschland und mir wurde bald klar, welche Möglichkeiten es hier gibt, meine Musik zu spielen. Es gibt eine sehr große Tango-Szene in Deutschland und die Deutschen mögen lateinamerikanische Musik… Also arbeiteten wir zusammen und nach zwei Jahren entstand unsere erste CD und alles entwickelte sich hervorragend – letztlich war es jedoch die Liebe zu Bene, die mich nach Deutschland zog!

Was vermissen Sie am meisten in Deutschland?

Die Sonne! Ich liebe den Sommer und den Sonnenschein – das Licht und die Wärme geben mir eine Menge Energie. Ansonsten vermisse ich die Sprache. Als ich nach Deutschland kam, dachte ich nicht, dass es so hart werden könnte, da ich auch andere Sprachen spreche: Italienisch und Englisch. Das war nie ein großes Problem. Ich dachte also, so schwer wird es schon nicht sein. War es aber doch! Was mir keine Probleme bereitet, ist das Fehlen der eigenen Kultur. Ich lese viele spanische oder auch portugiesische Bücher, höre die Musik oder auch Radio. Heutzutage kann man seine Kultur überallhin mitnehmen. Man braucht nur einen Computer.

Nicht nur als Person sind Sie kosmopolitisch, auch ihre Musik ist von vielen Einflüssen geprägt: argentinischer Tango, brasilianischer Bossa Nova, spanische Folklore, amerikanischer Jazz…

Ich habe schon immer verschiedenste Musik gehört: Mein Gitarrenlehrer in Argentinien kam zum Beispiel aus dem Jazz, außerdem waren Tango, Folklore und brasilianische Musik wie Bossa Nova natürlich sehr präsent in meiner Jugend. Als Sängerin kommt man also nicht umhin, diese Einflüsse wahrzunehmen und sie beeinflussen natürlich auch die eigene Musik.

Was bedeutet Ihnen diese Musik?

Für mich ist Musik eng mit meinen Emotionen verknüpft. Auf die Art nehme ich auf meinen Reisen Musik von überall auf, auch von den Menschen, mit denen ich arbeite: Ich kann nicht wirklich in einer Musikgattung, in einem Rhythmus oder gar einer Nation sesshaft sein.

Sie sind jetzt eine hochgelobte Sängerin – wie war der Weg bis dahin?

Um Sängerin zu werden, musste ich natürlich viele Erfahrungen sammeln und auch lernen, vielseitig zu sein. Ich begann meine Karriere zum Beispiel damit, Jingles in der Werbung zu singen, auf Hochzeiten aufzutreten oder auch den Background für andere Musiker zu singen und in Musicals aufzutreten – all das sind gesammelte Erfahrungen, die mich als die Künstlerin ausmachen, die ich heute bin. Als ich dann nach Deutschland gekommen bin, hatte ich jedoch das Bedürfnis, eigene Projekte zu machen. Deswegen habe ich die Musicals verlassen. Ich wollte für mich singen und nicht aus einem Charakter heraus.

Ihre neue CD heißt „huellas“ – Spuren. Welche Spuren ergründen Sie?

Nun, seit meiner Jugend gibt es natürlich immer neue musikalische Spuren, die ich in meinen Songs aufnehme – egal ob aus Argentinien oder auch den verschiedenen Ländern, in denen ich war. Dann gibt es natürlich genetische Spuren, meine Familie wanderte vor zwei Generationen aus der Türkei nach Argentinien aus. Ich habe also auch Spuren arabischer Musik in mir. Jedoch dachten wir auch daran, dass unser eigenes Leben so etwas ist wie eine Spur, die wir mit unserer Musik bei den Menschen hinterlassen. Wir bekamen nämlich Mails von Menschen, die unsere Musik so erlebten: Da war zum Beispiel der Vater, der seinem Sohn zum Einschlafen jeden Abend einen Song meiner CD vorspielte – vielleicht hinterlässt dieser Song in der Zukunft des Jungen eine Spur… Was wir erkannten, ist dass Musik sehr wichtig für das Leben der Menschen ist und wir musikalisch nicht nur Spurenleser sind, sondern mit der Musik überall auch unsere Spuren hinterlassen. Das verarbeiteten wir in dem zweiten Song der CD, der wie sie „Huellas“ heißt.

Am 7. Februar traten Sie zum Festival „Women in Jazz“ in Halle auf. Was sagen Sie zu dem Konzept, den Jazzmusikerinnen ein Festival zu widmen?

Ich finde es sehr schön, es ist eine tolle Idee! Was ich an diesem Festival sehr schätze, ist dass hier Musikerinnen der verschiedensten Nationalitäten zusammenkommen und es eine so vielfältige Musik zu hören gibt – es zeigt auf wunderbare Weise, wie farbenreich Musik sein kann!

Besuchen Sie Halle zum ersten Mal? Was ist Ihnen hier besonders aufgefallen?

Ja, für mich ist es das erste Mal in Halle. Ich bin sehr gespannt, ich mag es sehr, wenn ich eine Stadt ganz neu entdecken kann. Ich werde mir ein schönes Café suchen, die Stadt auf mich wirken lassen und auf jeden Fall die Hallorenkugeln probieren.

Frau Dahab, vielen Dank für das Gespräch.
(Nico Elste, Kulturfalter, März 2013)