Ein Stückchen Heimat

Ein immer wieder gern gesehener Gast in Halle: Phillip Boa (Foto: Pr)

Die Indiefans in Halle freuten sich, denn auch im Jahr 2011 kam Phillip Boa wieder nach Halle. Und er hatte sich für seine Fans etwas Besonderes überlegt. Zu seinem Konzert konnte man zwei Suppport-Acts (The Invincible Spirit & AC Vibes) erleben. Dazu gab es im Foyer den Film Control und eine Aftershowparty mit Phillip Boa und seinen Musikern. Kulturfalterredakteur Martin Große sprach mit Phillip Boa während eines Kaffees in einer bekannten Ausflugsgaststätte in Halle.

Kulturfalter: Wie entstand die Idee zu diesen Fankonzerten oder Conventions?

Phillip Boa: Eine Convention ist es nicht. Das schließt zu viele Leute aus. Das Konzert ist für Fans, aber auch für andere Leute, die diese Art von Musik mögen. Es ist ja kein gewöhnliches Konzert, denn es spielen zwei Supportbands. Die Filme sind liebevoll herausgesucht worden und es war echt schwer die Rechte zu bekommen. Und wir schmeißen die Leute nicht raus, wenn das Konzert vorbei ist. Das gefällt mir besonders, dass es nach dem Konzert noch ein wenig ausklingt.

Es gab letztes Jahr schon ein ähnliches Konzert, auf dem Bobo in white wooden houses gespielt hat. Soll aus dem Septembertermin eine Tradition entstehen?

Ja das kann sein, es war zumindest so geplant. Ich habe sowohl zu Leipzig, als auch zu Halle gute Beziehungen. Ich muss sehen, wie sich das entwickelt, denn ich spiele regelmäßig zur Weihnachtszeit in Leipzig. Es sollte sich aber nicht gegenseitig behindern, dann müssen wir etwas ändern.

Zum Konzert im September werden Titel der beiden Alben „Boaphenia“ und „Helios“ gespielt. Ist das eine Reaktion an die vielen Zwischenrufe bei den Konzerten, doch einmal diesen oder jenen Song zu spielen?

(lacht) Ein guter Punkt. Ja, vielleicht. Das Problem war, dass es die beiden Platten nicht mehr im Laden gab oder sie nur sehr schwer zu bekommen waren und da haben wir uns entschlossen, diese beiden neu herauszubringen und haben sie aus diesem Grund neu abgemischt. Wenn man die jetzt anhört, dann sind sie druckvoller, konkurrenzfähig und klingen absolut zeitgemäß. Die beiden Platten gehören auch zu einer Ära, die ein bisschen zurückliegt. Die Nuller Jahre, wie man sagt, waren für uns nicht so gut. Aber jetzt merkt man, wie es wieder besser wird und wie die Musik, die wir machen, wieder zeitgemäßer ist. Die „Strokes“ zum Beispiel waren sehr minimalistisch und damals angesagt. Es gab keinen Raum für Flächen und nun ist es wieder anders, das kommt uns sehr gelegen.

Es ist also nicht so, dass du jetzt etwas soundtechnisch nachholst, was du damals nicht machen konntest?

Nein, die technische Entwicklung ging in den letzten Jahren auch nicht so weit voran, dass sich da wesentlich etwas verändert hätte. Aber Bands, die jetzt so im Kommen sind, wie Arced Fire, die sind breiter. Unsere Musik hat viele Räume, die man entdecken kann. Sie ist sehr breit und einige Bands klingen sehr nach uns oder wir nach ihnen. Es sind auch dieselben Leute teilweise an den Mischpulten. Aber du hörst keinen Unterschied. Du hörst nur, es ist lauter und druckvoller.

Man liest auch immer mal etwas über ein neues Album, wann ist es soweit?

Ich arbeite schon lange daran, aber erst wenn es gut genug ist, wird es veröffentlicht.

Verändert der Rückblick auf die alten Alben deine Art und Weise Musik zu machen?

Auf jeden Fall. Bis 1994 war es eine einmalige Zeit. Es gab nichts, was so klingt, und das ist eine Messlatte – mit den Instrumenten einfach zu spielen und zu machen. Das fällt mir heute schwerer. Man könnte sagen die Leichtigkeit fehlt, denn man verliert mit der Zeit die Unschuld. Es gab eine Zeit, wo ich arbeiten, arbeiten, arbeiten konnte ohne nachzudenken, was wichtig ist. Das ist heute anders, da ist man vielleicht ein bisschen stehengeblieben und kommt ins Grübeln, aber das geht nicht nur mir so.

Letzten Freitag starb Amy Winehouse im Alter von 27 Jahren, wie einige andere bekannte Stars auch. Ist es heute anders ein Stars zu sein als vielleicht vor 20 Jahren?

Hm… Naja. Sie hatte ein Album gemacht. Einige Songs von ihr fand ich auch ganz gut und die eine Coverversion. Aber ich habe keine emotionale Bindung zu Amy Winehouse. Und ich möchte jetzt nicht schlecht über sie sprechen, aber ihr Oeuvre war nicht so wie das eines Kurt Cobains zum Beispiel. Bei ihm war es ein echter Schlag ins Kontor. Aber nicht bei Amy, das kann man nicht vergleichen. Aber du hast nach einem Unterschied gefragt… Ich hätte vielleicht ja gesagt. Mich erinnert das etwas an Sid Vicious (an Drogen gestorbener Gitarrist der Sex Pistols) und hätte gesagt ja. Aber ehrlich: Ich kann dir die Frage nicht beantworten.

Warum kaufen deiner Meinung nach die Leute die Alben von den Musikern, Sängern, wenn sie gerade gestorben sind?

…Das ist eine gute Frage, aber die kannst du vielleicht viel besser beantworten als ich… Ich weiß es nicht, an der Verfügbarkeit der Songs kann es nicht liegen, man bekommt ja heute immer alles überall. Ich habe keine Ahnung. Es ist das Tanzen auf des toten Manns Grab. Man schießt dann noch ein Album raus und das war es. Es ist absurd!

Kommt einem als Musiker nicht auch einmal der Gedanke: „Wenn ich einen Verkehrsunfall habe, dann sind meine Platten in den Top Ten ...“

Mag sein. Die Zeitlosigkeit meiner Songs hätte das sicher gefördert. Ich hatte solche Gedanken, aber der Zeitpunkt ist vorbei. Vor zehn oder 13 Jahren haben wir uns darüber lustig gemacht und zynisch überlegt, welche Songs dann auf die Platte kommen könnten. Ich habe damals für eine deutsche Zeitung ein paar Zeilen über Kurt Cobain geschrieben. Für ihn war der Druck so groß, er ist selbst in die Maschinerie reingekommen und hatte die Messlatte so hoch gelegt, dass er da nie und nimmer hätte gewinnen können. Er wusste, er geht da raus, ohne dass er dabei lachen kann. Er hatte dazu einen depressiven Charakter, wie Amy Winehouse…

Ist es wichtiger ein anderes Leben zu haben?

Es gibt Künstler, von denen ich sogar einige kenne, da ist das so, dass sie kein anderes Leben haben, aber das ist gespenstisch. Als meine Familie mich Phillip nannte, das war schon komisch. Ich habe Freunde und da ist alles völlig normal. Das ist wichtig. Und dort nennt mich auch keiner Phillip.

Stand der Name Phillip Boa einmal in deinem Personalausweis?

Er stand da, aber ich habe ihn wieder entfernen lassen.

Du bist viel unterwegs und kehrst doch gern wieder an Orte zurück… Was ist es für ein Gefühl, wieder in Halle zu spielen?

Ich kenne Halle gut. Gerade hier ist auch ein feine Gegend. Die Stadt hat sich stark verändert und es macht Spaß sich die Sachen immer anzuschauen und das zu sehen. Es ist schon auch so ein Stückchen wie in die Heimat zu kommen, wenn ich nach Halle komme.

Herr Boa, vielen Dank für das Gespräch.

Gerne.

(Martin Große, Kulturfalter August 2011)