Falkenberg – neue Heimat, neue CD

17 Alben und kein Ende in Sicht: Ralf Schmidt alias Falkenberg (Foto: Janine Guldener)

Am 10. September 2011 – zur Eröffnung der Spielzeit aller künstlerischen Sparten der Stadt Halle – gab Falkenberg im neuen Theater ein Konzert. Doch handelte es sich dabei nicht um irgendeinen Auftritt des 1960 in Halle geborenen Künstlers. Ralf Schmidt alias Falkenberg feierte zu diesem Auftritt seinen 51. Geburtstag und die Rückkehr zu seinen Wurzeln, denn seitdem wohnt er wieder in Halle. Kulturfalterredakteur Nico Elste sprach bei einem Kaffee mit dem vielseitigen Sänger, Komponisten und Produzenten.

Kulturfalter: Was bewog Sie, wieder nach Halle zurückzukehren?

Falkenberg: Nach 30 Jahren Berlin brauchte ich einen Standortwechsel. Ich denke, es ist wichtig, dass man ab und zu mal seinen Wohnort wechselt. Ich habe mich natürlich umgeschaut und es standen eine ganze Menge an Städten zur Auswahl – ich wäre gern in den Norden gezogen nach Rostock oder Hamburg. Über Dresden oder Leipzig habe ich auch eine Zeit lang nachgedacht. Dann jedoch habe ich letztes Jahr das Konzert zu meinem 50. Geburtstag hier in Halle gehalten. Die Vorbereitungen haben mich sehr oft hierher gebracht und eines Tages saß ich in einem Café und dachte mir, dass es doch eigentlich ganz interessant wäre, hierher zu ziehen. Ich habe ja die überwiegende Zeit meines Lebens nicht in Halle gelebt, aber natürlich die prägende Zeit, die Kindheit und die Jugend. Deswegen ist Halle wie eine komplett neue Stadt für mich und das fand ich spannend.  

Was verbinden Sie außer Ihren Jugenderinnerungen mit der Saalestadt?

Das kann ich jetzt nicht sagen. Ich hatte bisher so viel mit dem Umzug und meiner Arbeit zu tun, dass ich noch gar nicht so richtig angekommen bin. Dinge wie jetzt, dass man einfach mal in einem Café sitzt und aus dem Studio rauskommt – was in Berlin völlig normal war –, das hat in Halle bisher noch nicht so richtig geklappt. Ich bin also noch dabei, die Stadt zu entdecken. Was ich bisher gesehen habe, finde ich sehr spannend. Bemerkenswert ist das Tempo: Hier ist alles entschleunigt, nicht im negativen Sinne, sondern eher entspannend und sehr konzentriert. Das wirkt sich natürlich auf einen selber aus und das empfinde ich als sehr angenehm.  

Gibt es denn schon Lieblingsplätze in Halle oder Orte, an denen Sie sich gern aufhalten?

Der absolute Lieblingsplatz ist natürlich der am Fluss, egal wo. Eine Stadt, die von einem Fluss durchdrungen und geformt wird, hat natürlich immer etwas sehr Romantisches und man kann dort seine Sehnsucht hinbringen – es ist einfach grandios, wenn eine Stadt so etwas hat. Orte wie das Giebichensteinviertel oder die Altstadt, die sind natürlich auch sehr schön und sehr spannend. Natürlich gibt es noch hier oder da in den Häuserblocks irgendwelche faulen Zähne. Das ist klar, aber letztlich ist das überall so. Mein Eindruck ist, dass man in Halle die Dinge viel fokussierter betrachten kann. Es ist alles klar und viel einfacher strukturiert – wie das ganze Leben, glaube ich. Dadurch, dass es kein so großes Tempo hier gibt, gibt es auch keine Bewegungsunschärfe – würde der Grafiker sagen. 

Nach 51 Jahren musikalischen Engagements – Sie waren schon mit zehn Jahren Solist im Stadtsingechor der Saalestadt –, 17 produzierten Alben und unzähligen Auftritten und Erfolgen, lässt sich da ein künstlerisches Resümee ziehen?

Nein, und das kann ich an einfachem Beispiel klar machen: Ich hatte im letzten Jahr überlegt, eine Biographie zu beginnen. Ich bin ja ein Mensch, der in zwei Systemen gelebt hat, und schon das ist spannend. Außerdem ist es so, dass alles, was mein Leben im Osten betrifft, sehr ungewöhnlich war. Ich lese zum Beispiel häufig, die ehemaligen Musiker aus dem Osten seien so toll, weil sie alle studiert und einen Uniabschluss haben. Das habe ich nicht gemacht und ich kenne viele Kollegen, die auch nicht studiert haben. Es gibt so viele Klischees und Menschen wie ich sind immer bemüht, Klischees aus dem Weg zu räumen und zu vernichten. Dieses Jahr denke ich jedoch, für eine Biographie ist es noch zu früh und deswegen ist es auch zu früh, ein Resümee zu ziehen. Ich weiß noch gar nicht, was alles noch passiert. Was mich mein Leben gelehrt hat ist Folgendes: Es passiert immer das, was man nicht erwartet. Das ist das eigentliche Resümee, was man ziehen kann. Das Leben ist überraschend und man muss einfach nur offen sein und mit offenen Armen durch das Leben gehen. Außerdem habe ich noch so viele Ideen, und viele davon sind noch nicht realisiert. Klar habe ich immer die Angst, wenn ich zum Beispiel wie jetzt ein Album abgeschlossen habe, wie es dann weiter geht. Wenn dann allerdings so beeindruckende Brüche in der Biographie geschehen, wie ein Wechsel von einer Stadt wie Berlin nach Halle, dann ist das natürlich inspirierend für mich. Ich bin gerade dabei, ein Lied über diese Stadt aufzunehmen und das wird auch am 10. September hier seine Uraufführung haben. 

Das bringt mich gleich zur nächsten Frage. Sie haben gesagt, dass die Stadt selber schon Inspiration ist. Ist also der urbane Raum einer Ihrer künstlerischen Motivationen?

Definitiv, ich habe ja in Berlin ein ganze Zeit lang im sogenannten „Speckgürtel“ der Stadt gelebt. Das hatte verschiedene private Gründe. Ich habe beispielsweise gedacht, dass es für meine Kinder ganz gut ist, wenn sie im Grünen aufwachsen. Nach einigen Jahren sind mir jedoch die Füße eingeschlafen. Klar ist es schön, aus der Tür zu treten und im Wald oder an einem See zu stehen. Das hat aber nichts mit meiner Arbeit zu tun. Ich schreibe ja Geschichten. Im Mittelalter wäre ich ein fahrender Sänger. Ich bin irgendwo und mir werden Geschichten erzählt. Die komprimiere ich und trage sie weiter. Das geht in der Natur schlecht. Man kann natürlich mal ein Lied schreiben, wenn es einen unglaublich schönen Sonnenuntergang gibt. Das macht man jedoch nur einmal und dann nie wieder. Mein Leben ist tatsächlich ein urbanes Leben. Ich fühle mich in Großstädten – im Gegensatz zu vielen anderen Leuten – sehr wohl. Städte wie London oder New York sind für mich wie Humus – und das ist mir wichtig.

Ihr neues Album „Hautlos“ ist ein sehr lyrisches Werk, das existenzielle Fragen stellt. Titel, wie „Wer ich bin“, „Verloren“ oder „Nichts“ sind von einer melancholischen und doch sehr klaren Grundstimmung beherrscht. Was ist das Besondere dieses Werks?

Das Album eines Songschreibers ist immer auch ein Stück Biographie. Ich mag Konzeptalben und die Idee bei „Hautlos“ ist ein ganz einfacher Satz: Wir leben in einer Zeit, in der es nachteilig ist, seine Schwächen zuzugeben und auch seine Verletzlichkeiten zu zeigen. Ich glaube aber, dass es eine unserer großen menschlichen Stärken ist, genau das zu tun. Das macht uns auch stärker. Es geht um Verletzlichkeit und um Schwächen. Hautlos ist ja ein Wort, dass dem Sprachgebrauch von depressiven Menschen entlehnt ist. Hautlosigkeit bezeichnet einen Zustand, in dem man überempfindlich ist und Berührung weh tut, egal ob kommunikative, mentale, verbale oder physische Berührung. Für das Album fand ich daher in Adaption dieses Wort für den Titel – es gibt ja auch einen Song, der „Hautlos“ heißt – und für das dort verarbeitete Thema sehr passend.

Musikalisch ist „Hautlos“ sehr klar, beinahe schon minimalistisch gehalten – folgt die instrumentale Reduktion dem Anspruch Ihrer lyrischen Texte?

Ja, das war Absicht. Eigentlich bin ich ja ein Texter. Ich schreibe zuerst die Texte und sie müssen so stimmen, dass sie schon gelesen funktionieren. Die Musik wiederum ist letztlich nur ein Transportmittel – zu viel Musik kann auch zerstören. Deswegen war ich der Meinung, dass es bei dieser Thematik besser sei, die Arrangements eher klein zu halten. Nicht zuletzt auch deswegen, um sie so näher an den Hörer zu rücken.  

Worin unterscheidet sich „Hautlos“ von Ihrem Album „So nah vom nächsten Meer“ aus dem Jahr 2008?

Das bestimmende Moment bei „So nah vom nächsten Meer“ war Sehnsucht. Ein Thema zieht sich allerdings durch meine gesamte musikalische Arbeit: Freiheit. Was ist Freiheit, wie definieren ich oder andere sie? Ich glaube nämlich, dass wir ständig versuchen, Freiheit für uns zu klären – auch ein Moment kann Freiheit definieren. Manchmal ist Freiheit auch einfach die Zeit, die man hat und für sich nutzen kann. 

Laut Terminplan geben Sie noch eine Unmenge an Konzerten in diesem Jahr. Bleibt da noch Zeit für neue Projekte? 

Im ersten halben Jahr habe ich bewusst relativ wenig gespielt, um an neuen Projekten arbeiten zu können: zum Beispiel, um das nächste Album zu konzipieren. Deswegen ist das zweite Halbjahr gefüllter mit Livearbeit. Als Vielarbeiter ist das für mich normal.  

Am 10. September geben Sie Ihr Geburtstagskonzert im neuen Theater und feiern mit „alten und neuen Musikerkollegen und Freunden aus Halle“. Was wünschen Sie sich zum Geburtstag? 

Ich würde mir wünschen, dass es Normalität wird, regelmäßig in Halle zu spielen. Aber auch, dass es immer etwas Besonderes bleibt, denn natürlich empfinde ich Halle auch als Heimat – und in der Heimat zu spielen, hat immer etwas Besonderes. Mein größter Wunsch ist eigentlich, dass viele Leute aus anderen Städten, die normalerweise auf meine Konzerte kommen, nach Halle reisen und ihren Eindruck von Halle revidieren. Es gibt nämlich ein sehr merkwürdiges Bild von Halle und viele Menschen kennen Halle auch nicht. Das sind also meine beiden Wünsche: Dass mich die Menschen hier als halleschen Künstler akzeptieren, der ich nun mal bin, und dass so viele wie möglich aus München, Hamburg und Rostock nach Halle kommen und sich auch die Zeit nehmen, mal durch die Stadt zu streifen.  

Wie sehen Sie Ihre Zukunft in Halle, musikalisch und privat? 

Ich denke, dass es in Halle eine Menge kreativer Menschen gibt, mit denen man grandiose Sachen machen kann – ob das Theatermenschen sind, ob das Leute von der Burg sind… Es gibt so einen riesigen Pool an Kreativpotenzial. Ich würde mir wünschen, dass das positiv auf meine Arbeit und auf die Arbeit von anderen wirkt – sich zusammenschließen und gemeinsam etwas auf den Weg bringen, das wäre toll.

Vielen Dank für das Gespräch!
(Nico Elste, Kulturfalter September 2011)

 

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