Handbuch für Deutsche und Flüchtlinge

Constantin Schreiber (Foto: Urbschat - Hoffmann und Campe)

Der TV-Journalist Constantin Schreiber gehört zu den Spitzennachwuchskräften des deutschen Journalismus. Dazu verholfen hat ihm neben Sorgfalt sein außergewöhnliches journalistisches Profil. Neben seiner Arbeit als Moderator und Korrespondent für die Sender n-tv und RTL moderiert und produziert er mehrere, erfolgreiche TV-Formate auf Arabisch im Nahen Osten. Seine Sendung "Marhaba – Ankommen in Deutschland", die sich auf Arabisch an Flüchtlinge in Deutschland wendet, erregte großes Aufsehen im In- und Ausland. Constantin Schreiber ist Jurist, volontierte bei der Deutschen Welle und war Reuters-Stipendiat an der Uni Oxford. Kulturfalter-Redakteur Martin Große sprach mit ihm über sein Buch, Flüchtlinge und Syrien.

Sie waren schon einige Mal in Syrien, was haben Sie dort erlebt?

Es ist schon eine Weile her, dass ich dort war. Das war lange Zeit vor dem Bürgerkrieg. Durch Kontakte meiner Eltern war ich dort. So entstanden berufliche und private Verbindungen. Ich habe während meiner Aufenthalte bei einer Familie gelebt und so Sprache, Land und Leute kennengelernt.

Haben Sie heute noch Kontakt zu den Leuten von damals?

Ja, das habe ich. Die meisten sind zwar emigriert und leben heute im Irak, arbeiten in den Golfstaaten, oder im Libanon oder Jordanien. Über Facebook sind wir noch verbunden und so sehe ich, was sie dort zeigen.

Wozu soll das Buch dienen?

Es  soll in zwei Richtungen dienlich sein, ähnlich wie wir das auch in der Sendung versuchen. Nämlich dass wir auf Arabisch den Flüchtlingen zu erklären versuchen, was wir von ihnen erwarten: Grundgesetz einhalten, Gleichberechtigung von Männern und Frauen – Themen also, die aus deutscher Sicht relevant sind. Wir wollen ihnen die Werte unserer Gesellschaft  deutlich machen.

Während man daran arbeitet, kommt man schnell dazu, darüber nachzudenken, was es heißt deutsch zu sein. Was wollen wir eigentlich erklären? Diese Diskussion muss man aber führen, ohne dabei in die nationalistische Ecke gestellt zu werden. Jetzt, wo die Flüchtlingskrise da ist, ist es essentiell, dass man sich damit auseinandersetzt, weil man ja auch Erwartungshaltungen den anderen gegenüber hat. Die zweite Richtung des Buches führt also zu uns Deutschen.

Können Sie kurz mit eigenen Worten sagen, wie sie dabei vorgegangen sind Deutschland zu erklären?

Das ist keine abschließende Sache. Ich gebe im Buch maximal Denkanstöße. In fünf Minuten kann man das nicht erschöpfend erklären. Denkanstöße geben, ist ein realistischer Ansatz. Und die Auswahl der Dinge, die ich erkläre, ist rein subjektiv. Es sind Dinge, über die ich gestolpert bin, die mir selber aufgefallen sind oder Sachen, die von Geflüchteten über meine Sendung an mich herangetragen wurden.

Ein Punkt im Buch ist, dass Deutschland sehr beliebt im Ausland ist. Warum sind wir nicht stolz darauf?

Laut einer BBC-Umfrage ist Deutschland das beliebtestes Land der Welt. Ein bisschen freut einen das  schon – das stelle ich immer wieder, etwa in meinem Kollegenkreis fest.  In meiner Kindheit und Jugend war das nicht so. In der Krise ist das natürlich schwierig und es spaltet die Meinungen.

Welche Aussagen haben Sie bei Ihren Recherchen am meisten überrascht: positiv wie negativ?

Es war die Masse insgesamt. Wenn man ein Video online stellt, rechnet man nicht damit, dass man tausende Mails bekommt.  Bei den Deutsche gab es ca. 50 Prozent positive und 50 Prozent negative Rückmeldungen. Erschreckt hat mich da, mit welcher Selbstverständlichkeit die Leute über Facebook die schlimmsten Dinge unter ihrem wahren Namen schreiben. Aus dem arabischen Sprachraum kamen  überwiegend positive Rückmeldungen. Die wenigen negativen Reaktionen bezogen sich meist weniger auf die Sendung, sondern mehr auf den Westen an sich.

Sie prognostizierten in ihrem Buch die Wahlerfolge für die AFD. Die sind nun eingetroffen. Fühlen Sie sich enttäuscht, bestätigt? Was bedeutet das für ihre Arbeit?

Für meine Arbeit ändert sich nicht viel. Und mich persönlich betrifft es auch nicht. Ich habe es prognostiziert, es war vorhersehbar, deswegen bin ich nicht überrascht. Ich denke aber, dass es nachhaltig sein wird. Eine Demokratie muss das jedoch aushalten. Die Parolen dieser Partei sind nicht verboten und solange das so ist, muss die Demokratie damit umgehen. Ich will es nicht positiv reden, aber die etablierten Parteien sind nun aufschreckt und müssen die Ängste der Leute wahrnehmen.

Es war zu viel in kurzer Zeit. Und die Politik hat aber keine Lösungen angeboten. Also: Wo wollen wir mit denen hin? Wie kann man sie ausbilden. Wie viele gehen wieder zurück? Mit einigen konkreten Ansagen sieht die Problematik gar nicht mehr so schlimm aus.

Marhaba – Folge 1 – So ticken die Deutschen

 

Man redet viel über Integration, aber wollen die Leute nicht auch nach Hause?

Das ist sehr unterschiedlich.  Einige kommen hier her und wollen ein neues Leben beginnen und alles hinter sich lassen. Diese Menschen wollen vornehmlich in den Westen und nicht mehr zurück. Ältere Menschen wollen zurück, denn sie haben Heimweh. Ebenso Menschen mittleren Alters. Keiner lässt einfach so seine Heimat hinter sich. Sie wollen zurück. Anders ist das bei jungen Leuten und kleinen Kindern. Die haben in ein paar Jahren keine Erinnerungen  mehr an ihre Heimat. Denen zu sagen: Ihr müsst zurück, das wird in der Tat ein Problem.

Warum spielt die das Grundproblem, dass der Krieg aufhören muss, eigentlich bei uns keine so große Rolle?

Der Krieg ist in den arabischen Medien wesentlich präsenter. Dort geht es auch viel mehr um die große Rolle Russlands. Das wird sehr intensiv diskutiert. Die Dublin-Entscheidung und die Bilder aus München, die Verhandlungen mit der Türkei spielen eine untergeordnete Rolle. Die militärische Lage im Jemen, Ägypten, Libyen – das sind die Haupthemen.

Die Medien bei uns haben das Problem, dass das Thema zu komplex ist. Es ist schwer zu vermitteln. Und unsere Medien haben außerdem schlichtweg keine Bilder von dort. Kein Sender hat jemanden vor Ort. Die Infos, die man hat, kann man nicht zeigen. Die Frontlinien sind nicht klar. Die ISIS kann sich jeder noch vorstellen, aber alles was darüber hinausgeht, ist für einen Durchschnittsdeutschen zu komplex und zu weit weg.

Sehen Sie die Chance, dass sich dort in nächster Zeit etwas ändert?

Ich kann nicht in die Zukunft schauen, aber mein Gefühl sagt mir, dass es noch lange dauern wird. Im Libanon herrschten 17 Jahre Bürgerkrieg. Solange bis nichts mehr da war, um dass es sich zu kämpfen lohnte. Der Konflikt in Syrien ist, was die Intensität und Komplexität angeht, ähnlich. Mein Gefühl sagt mir, dass wird ähnlich, nämlich solange bis nichts mehr da ist, um das es sich lohnt zu kämpfen.

Warum verhalten sich ihrer Meinung nach viele Deutsche so ablehnend, anstatt die Flüchtlinge anständig zu behandeln, ihnen Wissen und Werte zu vermitteln und ihnen dann zu helfen wieder zurückzukehren?

Ich kann verstehen, dass die Menschen frustriert sind. Ihr Gefühl: ‚Ich bin dagegen‘, solange das ohne Hetze und Molotov-Cocktails einhergeht, ist legitim und wenn das nicht aufgefangen wird, weil es schlichtweg die Partei dafür nicht gibt, dann wird es zum Problem. Ich sehe nicht, dass es eine Mehrheitsmeinung ist. Aber man muss sie als Meinungsoption zulassen. Ich sehe in Deutschland  nicht die Gefahr, dass hier die Nazis wieder an die Macht kommen. Man muss die andere Meinung zulassen und es ist auch richtig das zuzulassen, so dass die Leute nicht zu Gewalt greifen.

Herr Schreiber, Vielen Dank für das Gespräch.

 

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