Mal ehrlich: Muss es immer Mord sein?

Die Krimiautorin Elisabeth Herrmann schreibt die Drehbücher zu ihren Krimis am liebsten selber. (Foto: Isabelle Grubert)

Elisabeth Herrmann wurde 1959 in Marburg/Lahn geboren. Sie machte ihr Abitur auf dem Frankfurter Abendgymnasium und arbeitete nach ihrem Studium als Fernsehjournalistin beim RBB, bevor sie mit ihrem Roman "Das Kindermädchen" ihren Durchbruch erlebte. Fast alle ihre Bücher wurden oder werden derzeit verfilmt: die Reihe um den Berliner Anwalt Vernau sehr erfolgreich mit Jan Josef Liefers vom ZDF. Kulturfalterredakteur Martin Große traf die Autorin auf der Leipziger Buchmesse und sprach mit ihr über ihren neuen Krimi „Versunkene Gräber“.

Kulturfalter: Muss es in einem Krimi immer um einen Mord gehen?

Elisabeth Herrmann: Nein, muss es nicht. In „Schattengrund“ gibt es keinen Mord und trotzdem ist es ein richtiger Thriller. In „Versunkene Gräber“ gibt es einen Mord und in anderen Büchern von mir auch. Aber ein Mord ist kein zwingend notwendiges Element. Ich glaube, in Kriminalromanen geht es vor allen Dingen um die Aufdeckung eines Verbrechens und das kann auch etwas ganz anderes sein. Es gibt so viele Themen: Bombenleger, Terrorismus oder einen Banküberfall. Die Fantasie der Kriminalautoren ist genauso vielfältig wie die der Verbrecher.

Sie arbeiten bei Ihren Recherchen auch eng mit Fans zusammen, starteten zum Beispiel einen Aufruf bei Facebook, um einen Ort für Ihre Geschichten zu finden – Wie sind Sie auf den polnischen Friedhof als Kulisse Ihres Buches „Versunkene Gräber“ und auf den polnischen Wein gekommen?

Der Friedhof in „Versunkene Gräber“ hat sein reales Vorbild in einem kleinen Dorf in der Nähe von Świnoujście (Swinemünde). Dort bin ich durch Zufall entlanggeschlendert und habe mir den Friedhof angesehen und war erschüttert, dass dort die Gräber wirklich im Boden versinken und der ganze Friedhof überwuchert war, sodass man aufpassen musste, wo man hintritt. Je mehr ich recherchierte, umso mehr war ich verwundert, dass es diesen Friedhof noch gibt und dass er so unberührt ist, denn es gibt fast gar keine deutschen Friedhöfe mehr in Polen, da diese oft überbaut oder umgewidmet wurden. So war einfach der Umgang mit dem Erbe nach dem Krieg.

Der Zielona Góra (dt. Grünberg) ist nicht weit von Berlin entfernt. Als ich für meine Geschichte noch einen Ort suchte, an dem sich jemand verstecken kann, stieß ich auf das Deutsche Kulturforum östliches Europa in Potsdam. Die Mitarbeiter empfahlen mir einen Weinkeller oder Weinberg, denn Zielona Góra war früher die Weinstadt des Ostens. Das kannte ich nicht und viele Menschen kennen es auch heute nicht. Aber selbst E.T.A. Hoffmann hat zum Beispiel den polnischen Wein gelobt. Dort gab es zum Beispiel die erste Champagner Kellerei außerhalb Frankreichs. Die Tradition ist wirklich lang. Aber heute gibt es da nur noch Hobbywinzer, die den Wein in kleinen Mengen zum Selbstverbrauch herstellen.

Sie sagten in einem Interview, dass wenn Sie schreiben, Sie sich die Handlung wie in einem Film vorstellen. Schreiben Sie auch deswegen die Drehbücher zu Ihren Krimis?

Ich glaube, die darf ich schreiben, weil die Filmemacher bemerkt haben, dass ich das ganz gut kann und als Autorin einfach einen besseren Draht zu den Figuren habe. Es ist mir immer schon so gegangen beim Schreiben, dass ich die Geschichte sehr bildhaft vor Augen habe. Zu diesem Zeitpunkt war an Verfilmung noch gar nicht zu denken. Ich hatte beim Schreiben immer die Schreibweise amerikanischer Autoren im Kopf. Die Art wie sie die Zuschauer packen, wie sie Cliffhanger einbauen, wie sie es schaffen, in meinem Kopf Bilder entstehen zu lassen, das mag ich sehr. Ich beschreibe meine Figuren sehr bildhaft, damit der Leser sofort weiß, was er für eine Person vor sich hat, die sich da gerade in das Geschehen einmischt.

Ist es dann tatsächlich IHR Film, so wie er Ihnen im Kopf war beim Schreiben, wenn er gedreht wird?

Wenn ich das Drehbuch selber geschrieben habe, dann ja. Wenn nicht, dann ist das Ergebnis natürlich anders.

Bei einem Film arbeiten immer viele Menschen mit. Gibt es dadurch Einflüsse oder Details, die in den Film wandern und nicht im Buch sind?

Das gibt es nicht beim Film. Das ist mir vor allen Dingen bei dem letzten Dreh in Kuba aufgefallen. Das ZDF hat dort „Der Mann ohne Schatten“ mit Jan Josef Liefers verfilmt. Wenn ich etwas ins Drehbuch schreibe, wie etwa: ‚Jemand kommt in einem weißen Anzug die Flugzeugtreppe herunter‘ dann setzt sich ein Team von Leuten in Bewegung und organisiert einen weißen Anzug und ein Flugzeug sowie die passenden Locations plus die Treppe. Das, was ich schreibe, ist der Arbeitsauftrag an Menschen, und dann kann man davon nicht abweichen.

Die Handlungen Ihrer Bücher sind sehr komplex. Sowohl beim Film als auch bei Hörbüchern muss immer gekürzt werden. Wie stellt man so etwas an?

Wenn man komplette Handlungsstränge, Details und Personen herauskürzen muss, ist das die schwierigste Arbeit beim Drehbuchschreiben. Ein Buch, wenn es komplett gelesen wird, hat eine Länge von 13 Stunden und wenn daraus 90 Minuten werden müssen, ist das unheimlich kompliziert. Aber es geht komischerweise. Manchmal denke ich, dass mein Buch ganz anders geworden wäre, wenn ich diese Arbeit vorher gehabt hätte. Die Handlung ist viel klarer und strukturierter. Das ist sehr anders als beim Schreiben, denn da kann man sich Zeit lassen. Man kann abschweifen und über mehrere Seiten etwas beschreiben, wozu man Lust hat. Das alles geht beim Hörbuch/Film nicht. Da muss man immer schauen, um welche Sätze es letzten Endes geht. Ich bin immer ganz stolz, wenn es Sätze vom Buch in den Film schaffen, damit der Leser auch etwas wiedererkennt.

Nur „Lilienblut“ haben Sie selber gelesen. Was ist das für ein Gefühl, das eigene Buch von jemand anderem vorgelesen zu bekommen?

Das ist der Wahnsinn. Mein Roman „Schattengrund“ wurde von Laura Maire gelesen und da ist etwas passiert, was ich so noch nicht erlebt habe. Ich habe das Buch in einem Stück bis früh um drei durchgehört. Es ist dieser Frau gelungen, dem Buch noch einmal eine ganz neue Dimension hinzuzufügen. Es war der Wahnsinn. Ich bin so stolz, dass das Hörbuch den deutschen Hörbuchpreis gewonnen hat und dass sie auch das nächste Buch lesen wird. Es ist ein neues Medium und es ist beeindruckend.

In Ihren Büchern gibt es immer wieder komplizierte Charaktere. Wie nah werden einem die Figuren im Laufe der Zeit? Mutet man den Figuren irgendwann nicht mehr so viel zu oder sagen Sie sich: ‚Ok, bei dem muss es jetzt krachen.‘

Ja, der Anwalt Vernau war lange weg, denn er war für mich erstmal als Figur auserzählt und es wäre als Autorin für mich unbefriedigend gewesen, für ihn jetzt alle 18 Monate einen neuen Fall zu konstruieren, wo er auf Leben und Tod wieder etwas in Ordnung bringt. Als dann die Verfilmung kam, dachte ich mir: ‚Naja da ist wieder glaubhaftes Potential drin‘. Wenn Vernau jetzt fünf Jahre mit seiner Kanzlei beschäftigt gewesen ist, dann kann man ihm mal wieder etwas zu tun geben. Für mich ist es wichtig, dass es glaubhaft ist. Bei einem Kommissar ist das anders, der bekommt seine Fälle sozusagen dienstlich. Aber immer wieder einen Fall zu konstruieren, nur um einen Roman zu schreiben, das ist nicht glaubhaft. Das wäre natürlich perfekte Unterhaltung, aber ich möchte, dass man dem Vernau seine Fälle auch abnimmt und er soll der Anwalt sein, dem wir alle vertrauen.

Wenn Sie eine Idee für eine neue Geschichte haben, wissen Sie dann gleich, welcher Ihrer Figuren diese passieren könnte?

Ich denke zuerst an die Figuren. Was macht diese aus, was macht sie spannend. Wo kann ich etwas geben, was außergewöhnlich ist. Für das „Dorf der Mörder“ war dies zum Beispiel eine reale Futtertierzüchterin aus Berlin. Ich wusste, ich will etwas über diese Figur schreiben und habe ihr noch zwei Personen an die Seite gestellt.

Für Ihre Recherchen fahren Sie immer auch an die Orte der Handlung. Gibt es auch Orte, die Sie bewusst aus den Büchern herauslassen, damit diese „nur Ihnen“ gehören?

Nein, so ist es nicht. Eher ganz im Gegenteil. Ich möchte, dass die Leute die Orte und ihre Schönheit sehen und dann da auch hinfahren. „Das Dorf der Mörder“ ist kein reales Dorf, aber ich habe darauf hingewiesen, dass zum Beispiel um die Ecke Jüterbog liegt und dass es dort traumhaft schön ist. Die ganze Ecke ist schön und das Buch ist eigentlich eine Liebeserklärung an die alte Neumark. Es ist eher so, dass ich aufrufe: ‚Mensch, fahrt doch mal dort hin, das sind eure Nachbarn.‘

Kommt Ihnen beim Schreiben Ihrer Bücher Ihr journalistisches Handwerk zugute?

Jain. Ja, weil den Dingen auf Grund zu gehen sehr journalistisch ist, da kommt es mir zugute. Nein, weil es unheimlich schwer ist beim Schreiben. Ich bin durch 25 Jahre Journalismus auf Wahrheit getrimmt. In einer Redaktionskonferenz muss man alles hieb- und stichfest beweisen können. Ich mache oft unheimlich viele Recherchen, die fast kaum etwas mit dem Buch zu tun haben. Momentan beschäftige ich mich mit Explorationsmethoden im modernen Bergbau und das nur weil eine Figur zwei Sätze sagt. Aber diese müssen überzeugend wirken und die Figur/der Schauspieler muss sicher damit umgehen können, denn er spielt einen Fachmann. Ich habe den Anspruch, dass man den Figuren, dem Buch und dem Autor Vertrauen schenken kann. Ich habe einmal ein Buch gelesen, das begann mit zwei Volkspolizisten, die an der Transitstrecke zwischen Berlin und der BRD Leute angehalten haben und sagten: ‚Guten Tag, Ihre Ausweise bitte‘. Jeder Berliner weiß, dass die niemals so freundlich waren. Und damit verliert das Buch an Vertrauen.

Hat Herr Vernau denn jetzt wieder ein paar Jahre Ruhe oder deutet sich da schon wieder ein neuer Fall an?

(lacht) … Da deutet sich was an. Nachdem er ja jetzt in Kuba war… Nach dem Dreh fragte unter anderem Herr Liefers, ob Vernau nicht mal nach Hongkong reisen könnte. (lacht) Aber Vernau ist ja kein reisender Detektiv. Es hängt auch ein bisschen von den Lesern und vom Verlag ab. Aber bisher ist er ganz gut angenommen und ich glaube die Leser mögen ihn. Ich glaube, er wird wieder ermitteln, aber diesmal in Berlin…

Frau Herrmann, Vielen Dank für das Gespräch.

 

Weitere Informationen über Elisabeth Herrmann