Ich hoffe, dass Wagner die Show gefallen würde

Gregor Seyffert ist freischaffender Tänzer, Choreograph und Produzent. Im Wagner-Jahr 2013 machte er mit Wagner reloaded von sich reden. (Foto: Claudia Heysel)

Gregor Seyffert ist freischaffender Tänzer, Choreograf und Produzent. In Sachsen-Anhalt dürfte der mit Preisen überschüttete und als weltbester Tänzer ausgezeichnete Künstler vielen Menschen noch mit seiner de Sade-Produktion in Vockerode in guter Erinnerung sein.

Das spektakuläre Cross-Genre-Aktionstheater lockte damals tausende Zuschauer in das alte Kraftwerk. Im Wagner-Jahr 2013 machte Gregor Seyffert erneut mit einer spektakulären Produktion von sich reden. „Wagner–reloaded“ hieß das Spektakel und man konnte es im September in der Leipziger Arena erleben. Kulturfalterredakteur Martin Große sprach mit dem Tänzer.

Kulturfalter: Wie kamen Sie auf die Idee zu Wagner und die Verbindung zu Apokalyptica?

Gregor Seyffert: Die Idee zu „Wagner-reloaded“ kam mir während eines Besuches in Bayreuth. Als großer Fan von Wagner und seiner Musik wollte ich etwas über ihn auf die Beine stellen. Außerdem liebe ich Apocalyptica. Alle Mitglieder der Band haben eine klassische Musikausbildung und spielen auf klassischen Instrumenten. Ich dachte, dass das gut passt und es ist großartig, was Eicca Toppinen komponiert hat.

Die Show widmet sich dem Leben des Komponisten. Welche Stationen aus Wagners Vita sind die wichtigsten?

Es sind insgesamt 20 Bilder, die wir zeigen. Es ist natürlich keine Biografie im klassischen Sinne. Wir zeigen nicht jedes Detail, aber seinen Weg von der Wiege bis zur Bahre und darüber hinaus. Man sieht etwas zu seiner Kindheit, seine Begegnung mit König Ludwig, seinem Förderer und Mäzen. An anderer Stelle werden Noten lebendig, aber das sind nur einige der vielen Bilder.

Muss man ein Kenner von Wagner sein, um dem Stück zu folgen, sprich die Bilder zu erkennen?

Nein. Die Bilder sind in ihrem Zusammenspiel mit Videos, den Künstlern und Bühnenbild so gebaut, dass für jeden was dabei ist, ohne dass man sich viel mit Wagner beschäftigt haben muss. Sicher ist es für Kenner leichter. Aber genießen kann es jeder und im besten Fall nimmt man sich danach einmal ein Buch zur Hand und schaut nach, welche Lebensstationen man genau gesehen hat.

Wagner war bekannt für seinen Antisemitismus. Wie gehen Sie damit um?

Es gibt in der Vorstellung entsprechende Bilder, die sich damit beschäftigen. Das Thema wird nicht ausgespart. Denn es ist schon sehr interessant, dass ein Mensch wie Wagner, der ein genialer Komponist war, menschlich solch fragwürdigen Ansichten hatte.

Würden Sie Wagner gern Ihre Show zeigen?

Na klar, auf jeden Fall! Ich hoffe, dass sie ihm gefallen würde, denn ich denke, sie ist von der Art und Weise in seinem Sinne. Die darin enthaltene Kritik müsste er sich allerdings gefallen lassen.

Die Show ist ziemlich bombastisch – ist dies ein Weg, die Leute für Klassik zu interessieren?

Das Bombastische ist nicht das alleinige Mittel, aber es liegt nahe, wenn man sich mit Wagner beschäftigt, viel Power und Kraft in eine Inszenierung zu stecken, um ihm bei seinem großen Gesamtkunstwerk im Geiste folgen zu können. Ein Kammerstück würde ihm nicht gerecht werden. Wenn man sich in den populären Bereich begibt, erreicht man damit natürlich wesentlich mehr Leute als durch Regietheater, welches das Bildungsbürgertum anspricht. So schauen sich Menschen Wagner an, die sonst nicht ins Theater gehen würden.

Müssen sich die Protagonisten klassischer Musik generell neue Wege suchen, um ihr Publikum zu finden?

Ich denke ja. Die Klassik braucht neue Formen, neue Spielorte, Formate und Themen, damit sich die Menschen wiederfinden. Ich denke jeder Künstler muss am Puls der Zeit sein, wenn er sein Publikum erreichen oder erweitern will.

Wie haben Sie persönlich Wagner erforscht?

Das war ganz klassisch. Es gibt eine Unmenge an Material über Wagner: Filme, Spielfilme, seine Opern, seine Biografien. Aufgrund der Menge musste man sich seinen Focus suchen und das Spannende durch sich durch gehen lassen.

Haben Sie mit der Familie von Wagner zusammengearbeitet?

Nein, das war auch nicht unbedingt gewünscht. Ich wollte frei an die Sache herangehen und wollte nicht in eine bestimmte Richtung gedrängt werden.

Wissen Sie, wie die Familie auf das Stück reagiert hat?

Nein.

In einem Interview mit dem MDR sagten sie: „Richard Wagner ist ein Poptitan geworden!“ Würde Wagner heute leben, säße er neben Dieter Bohlen in einer Jury?

Das ist eine schwierige Frage. Wagner und Dieter Bohlen in einen Topf zu werfen, ist ein gewagtes Unterfangen. Aber ich denke, dass sich Wagner immer am Publikum orientiert hat; an dem, was die Menschen wollen, was sie im Innersten bewegt. Es war ihm nicht einerlei, was die Menschen hören wollten. Lassen Sie es mich so sagen: Er hat nicht für die Nachwelt komponiert, sondern war schon kundenorientiert, wie man heute sagen würde.

Was kann ein Stück wie „Wagner-reloaded“ zum Wagner-Jahr beitragen?

Wagner wird im Wagner-Jahr natürlich sehr strapaziert. Alle machen etwas und alles dreht sich um ihn. Mein Werk unterscheidet sich von den anderen dadurch, dass es ein Stück über ihn ist und keines von ihm. Es ist ein Stück, welches sich mit ihm als Menschen, Künstler und Charakter auseinandersetzt. Durch die unterschiedlichen Mittel (Tanz, Video, Show, Rockmusik) ist es nicht nur musikalisch eine interessantes Werk, sondern tatsächlich ein neuer Beitrag zu Wagner.

Geht die Show auf Tour?

Wir arbeiten mit Hochdruck daran. Das Stück muss tourfähig werden, mit allem was dazugehört. Die gesamte Organisation, die da dranhängt, ist immens. Wir sind noch in der Planungsphase, weswegen die Aufführung im September losgelöst von einer Tour zu betrachten ist. Wenn die Tour eventuell nächstes Jahr starten sollte, dann gibt es vielleicht in Leipzig noch einmal einen Tourauftakt. Aber klar ist das noch nicht.

Wie waren die Reaktionen auf Wagner-reloaded?

Wir Künstler waren happy mit dem Ergebnis. Denn es ist ein großer Brocken Arbeit, wenn man so eine Show kreiert. Da entsteht automatisch jede Menge Druck. Man stellt sich Fragen wie: ‚Mögen es  die Zuschauer?‘, ‚Wie kommt das Konzept der Zuschauereinbindung an?‘, ‚Passt die Musik?‘ und und und… Als wir dann nach der Aufführung minutenlang Standing Ovations bekamen, fiel mir schon ein großer Stein vom Herzen und wir alle waren himmelhochjauchzend.

Herr Seyffert, Vielen Dank für das Interview.

 

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