Inspiriert vom Leben

Im Kunstmuseum Moritzburg konnte man bis zum 3. Juli die Sonderausstellung der international bekannten belgischen Künstlerin Berlinde De Bruyckere sehen. Die Schau und die Werke der Künstlerin war stellenweise sehr umstritten, da ihre lebensechten Abbildungen menschlicher und tierischer Körper bei einigen Besuchern Abscheu und Verwunderung hervorriefen. Wir sprachen mit der Künstlerin über ihre Kunst.

Kulturfalter: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Epoxy und Wachs für Ihre Kunstwerke zu benutzen?

Berlinde De Bruyckere: Zum ersten Mal nutzte ich Wachs für die Plastiken „Spreken, 1999“ und „Inge, 2001“. Die Beine der Skulptur sollten so realistisch wie möglich sein, denn der Rest der Körper war von einer Menge Wolldecken verdeckt. Um die richtige Technik herauszufinden, schaute ich mich im Museum von Madame Tussauds um. Es brauchte über zwei Jahre, bis ich die Technik anwenden und die Resultate, die ich erzielen wollte, schaffen konnte. Als Füllungsmaterial für die Skulpturen nutzten wir Epoxy, die durch eine Metallkonstruktion verstärkt werden. Das Wachs ist zu empfindlich und brüchig, als dass es alleine genutzt werden könnte.

Wachs wird seit jeher benutzt, um Totenmasken zu fertigen, weswegen es mit dem Tod assoziiert wird. Hat dieser Hintergrund Ihre Arbeit beeinflusst?

Nicht wirklich. Ich arbeite hauptsächlich mit Wachs, weil es ein sehr flexibles Material ist und sehr leicht zu manipulieren. So kann ich Skulpturen erschaffen, die perfekte und realistisch geformte Körper haben, so wie ich es will.

Woraus beziehen Sie hauptsächliche Ihre Inspiration?

Hauptsächlich aus den existentiellen Fragen, die jeden auf die eine oder andere Weise beschäftigen: Tod, Leiden, Schmerz, Angst. Diese Themen lassen sich in allen künstlerischen Formen zu allen Zeiten finden, Malerei, Bildhauerei, Architektur, Musik, Literatur und auch im Film. Neben den ganzen visuellen Eindrücken bin ich vom alltäglichen Leben inspiriert – Bilder in Zeitungen und im Fernsehen. Diese sind für meine Arbeit ebenso wichtig wie die Werke alter Meister. Manchmal kann selbst ein Songtext eine starke Quelle künstlerischer Inspiration sein. Nick Cave zum Beispiel; ich liebe seine Texte und sie inspirieren mich auch.

Können Sie beschreiben, wie Ihre Arbeiten entstehen?

Es gibt einige wichtige Stufen, wie meine Skulpturen zum Leben erwachen. Da ist als allererstes der Ort, wo die Arbeit ausgestellt wird und dessen Kontext. Das ist wirklich von fundamentaler Wichtigkeit. Der Dialog zwischen dem Ort und der Plastik bestimmt die Wahl derselben. So war es auch bei meiner ersten Ausstellung in der „Hauser & Wirth Gallery“ in London, die „Schmerzensmann“-Ausstellung. Dort gab es sehr hohe Decken und es gab außerdem noch ein Zwischengeschoss. Deswegen konnten die Besucher die Plastiken von zwei verschiedenen Blickwinkeln aus betrachten. Das inspirierte mich dazu, nach hohen Säulen zu schauen, um die Plastiken an diese anzubringen, sie auf diese Art und Weise für die Ausstellung zu kreieren. Der zweite wichtige Schritt ist das Formen der Modelle. Wenn man die richtigen Pressformen hat, kann man beginnen, die verschiedenen Wachsschichten in die Abdruckform zu bringen. Danach kann man die verschiedenen Körperteile zu einer Plastik zusammenfügen. Wenn alle Teile an ihrem Platz sind, ist die Skulptur fertig.

Wie viel Zeit braucht es, um eine Plastik fertigzustellen?

Wie lange es braucht, um ein Stück fertigzustellen, hängt oft davon ab, wie gut es läuft. Manchmal sind sie genau so, wie ich sie wollte und manchmal muss man sie mehr als einmal neu formen, weil die Farben nicht so sind, wie sie sollten oder die Form ist schlecht gelungen.

Wollen Sie den Betrachter schockieren? Welche Reaktionen wollen Sie hervorrufen?

Genau im Gegenteil! Ich will, dass meine Arbeit den Menschen hilft, Antworten auf ihre existenziellen Fragen zu finden. Ich bin mir bewusst, dass die Themen, mit denen ich mich beschäftige und die in meinen Arbeiten aufscheinen, oft Tabus sind. Ich hoffe sehr, diese Tabus im Dialog zwischen den Plastiken und den Betrachtern aufzubrechen, denn ich fühle häufig, dass unsere Möglichkeiten Gefühle wie Schmerz und Angst sprachlich auszudrücken, begrenzt sind.

Nur um ein wenig mehr über den Hintergrund Ihrer Arbeiten zu erfahren: Würden Sie sagen, der Eindruck stimmt, dass die Menschen ihre Körper fast nicht beachten?

Ich verstehe den Körper als Gefährt. Er ist das Gefährt, welches wir am besten kennen, weil wir in ihm feststecken. Wenn ich diese Plastiken mache, die aus einer sehr starken physischen Erfahrung entstehen, bewirke ich häufig ein Gefühl der Konfrontation. Unbewusst beginnt man sich mit dem eigenen Körper zu vergleichen. Ich denke, dass die Menschen sich ihres Körpers sehr bewusst sind, speziell seiner Grenzen. Sonst wäre alles wie Mode, Körperpflege und Kosmetik nicht so omnipräsent, wie es ist.

Kümmern Sie Artikel, die raten, Ihre Ausstellung nicht zu besuchen, wie es in der halleschen Presse der Fall war?

Ich versuche mich nicht allzu viel mit solcherlei Reaktionen auseinanderzusetzen. Das wirkt als eine Pose eines Menschen, der sich in seiner eigenen Welt nicht gut fühlt. Ich bin mir darüber im Klaren, dass meine Arbeiten eine dunkle Seite besitzen. Zugleich bin ich jedoch davon überzeugt, dass ebenso Poesie in jedem Stück meiner Arbeit  steckt. Die Schönheit des Materials, der generell ästhetische Charakter tröstet mehr, als dass sie beunruhigt. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht leicht ist, diese Plastiken zu betrachten. Ich denke jedoch, es liegt im Wesen der Kunst, dass sie verschiedene Ebenen einschließt, die eine nach der anderen offengelegt und erkundet werden müssen. Ich höre oft über Menschen, die die Arbeiten vermissen, wenn die Ausstellung vorbei ist. Das ist für mich ein wundervolles Kompliment.

Hatten Sie die Möglichkeit, sich die Stadt anzuschauen? Welche Plätze und welche Orte würden Sie weiterempfehlen?

Leider haben wir nicht sehr viel von der Stadt gesehen. Weil wir einige Probleme während der Installation hatten, war keine Zeit, die Stadt zu erkunden.

Frau De Bruyckere, vielen Dank für das Gespräch.
(Martin Große, Kulturfalter Juli/August 2011)

 

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