Geschichte lebendig begreifen

Die Beinert Schwestern Claudia und Nadja. (Foto: Paulfotografin)

Der Roman „Die Mutter des Satans“ erzählt die Geschichte der Familie Martin Luthers aus Sicht der Mutter des berühmten Reformators. Geschrieben haben das Buch die Zwillingsschwestern Claudia und Nadja Beinert. Das Autorinnenduo wurde bekannt mit drei Romanen rund um Uta von Naumburg. Claudia und Nadja Beinert, Jahrgang 1978, sind in Staßfurt geboren und aufgewachsen. Claudia studierte Internationales Management in Magdeburg, arbeitete lange Zeit in der Unternehmensberatung und hatte eine Professur für Finanzmanagement inne. Sie lebt und schreibt in Erfurt und Würzburg. Nadja Beinert studierte ebenfalls Internationales Management und ist seit mehreren Jahren in der Filmbranche tätig. Die jüngere der Zwillingsschwestern ist in Erfurt zu Hause. Kulturfalterredakteur Martin Große traf die Schwestern auf der Leipziger Buchmesse für ein Interview.

Sie haben alle beide vor Ihrem ersten Buch in einem anderen Beruf gearbeitet. Sie investierten fünf Jahre Ihres Lebens in das erste Buch „Die Herrin der Kathedrale“. Wie fühlten Sie sich in den ersten Wochen nach dem Erscheinen? Waren Sie überrascht über den Erfolg?

Nadja Beinert: Überrascht nicht, aber ergriffen. Das Spannende war, dass wir vorher in anderen Branchen tätig waren. Mit dem Erscheinen des ersten Buches sind wir dann in eine komplett neue Welt eingetaucht – die Literaturwelt. Mit der hatten wir, außer dass wir Bücher lasen, gar nichts zu tun.
Claudia Beinert: Mit Verlagen sprechen, auf Messen gehen, mit Lesern kommunizieren. Das war neu und das war das Spannendste in den ersten Wochen. Es war eigentlich wie ein neues Leben.

Jetzt erscheinen Ihre Bücher im Jahrestakt. Das Erscheinen des letzten Romans ist nur ein halbes Jahr her. Wie kommt es, dass es jetzt so schnell geht?

Nadja Beinert: In welchem Rhythmus die Bücher erscheinen, ist eine Entscheidung des Verlages. Für unser erstes Buch haben wir tatsächlich fünf Jahre gebraucht, da wir zu diesem Zeitpunkt nebenberuflich geschrieben haben. Für alle anderen Romane brauchten wir circa ein Jahr. Dass unser letztes Buch (Anm. d. Red. „Der Sündenchor“) im September erschien, lag unter anderem daran, dass die Geschichte auch im Herbst spielt. Deswegen schien uns und dem Verlag der Zeitpunkt günstig.

Haben Sie schon als Kind/ Jugendliche geschrieben?

Nadja Beinert: Nein, nie.
Claudia Beinert: Ich habe viel gelesen, aber nie etwas Belletristisches geschrieben. Nur Fach-Bücher über Wirtschaft und Finanzen, aber das ist etwas ganz anderes. Da gab es zum Beispiel keine Möglichkeiten, eigene Fantasie, Emotionen oder Botschaften unterzubringen.
Nadja Beinert: Wir hatten eigentlich nie vor, Romane zu schreiben. Aber manchmal kommt es im Leben eben doch anders.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, über Martin Luthers Mutter zu schreiben?

Nadja Beinert: Wir haben in unseren ersten drei Romanen über Uta von Naumburg geschrieben, einer Frau, die vornehmlich in Mitteldeutschland bekannt ist. Wir wollten in unserem neuen Roman etwas über einen Deutschen machen, den jeder kennt. Da landet man schnell bei Martin Luther. Er ist einer der über alle Grenzen hinweg bekanntesten Deutschen. Da wir als Protagonisten gerne Frauen haben, haben wir geschaut, welche Frauen es in seinem Umfeld gab.
Claudia Beinert: Wir wollten außerdem auch nicht das hundertste Buch über Martin Luther schreiben. Es gibt schon wahnsinnig viel Literatur über ihn, theologischen als auch unterhaltsamen Inhalts.
Nadja Beinert: Es gab nicht viele Frauen in seinem Leben. In seiner Kindheit ist es seine Mutter und später ist es Katharina von Bora. Aber als sie in sein Leben tritt, sind seine 95 Thesen schon formuliert. Wir wollten beschreiben, was er für ein Mensch war und wie er dazu geworden ist. Es waren seine Eltern, die ihn geprägt haben und so haben wir seine Mutter ins Zentrum der Geschichte gerückt.

Für Ihr Buch haben Sie über 12.000 Seiten Recherchematerial gesichtet? Wie lange hat das gedauert?

Claudia Beinert: Es war wirklich unglaublich viel Material. Aber wir sind zu zweit und wenn wir ein Jahr an einem Buch schreiben, dann benötigen wir ein halbes Jahr für die Recherche. Das schafft man schon, wenn man von morgens bis abends liest. Aber ja, es ist eine sehr leseintensive Zeit gewesen.
Nadja Beinert: Und man muss sich dabei organisieren, zeitlich und inhaltlich. Man darf nicht vom Hölzchen zum Stöckchen kommen, sondern stets den roten Faden vor Augen halten. Wir teilen die Recherchegebiete auf und so weiß jede was sie zu tun hat und bis wann ein Ergebnis benötigt wird.

Sind Sie beide strukturierte Menschen?

Nadja Beinert: Wir sind sehr strukturiert. Wir schreiben Zeitpläne, Kapitelszenen, Arbeitspläne – alles Pläne. Es wird alles geplant und strukturiert.
Claudia Beinert: Das ist besonders wichtig, wenn man zu zweit an einem Projekt arbeitet, damit man nicht aneinander vorbeiarbeitet, weil ja der eine auf die Arbeit der anderen angewiesen ist. Es funktioniert wie ein gut geöltes Räderwerk – an den meisten Tagen (lacht).

Im Buch wechseln die Szenen von der Wirklichkeit in die Gedankenwelt der Mutter. Als Leser könnte man denken, dass Sie sich so auch das Schreiben aufgeteilt haben. Spiegelt sich so Ihre Arbeitsweise wieder?

Nadja Beinert:
Wir teilen uns den Schreibprozess nicht so auf, dass eine den Teil von Lucas Cranach schreibt und die andere den Ich-Erzähler, mit dem wir im Kopf von Margarethe Luther sind.
Claudia Beinert: Ich entwerfe das gesamte Manuskript mit einem Mal und dann bekommt Nadja es zum Optimieren, dananch erhalte ich es wieder zurück und so reichen wir uns die Texte mehrmals hin und her bis alles stimmig ist.

Gibt es Punkte, an denen Sie sich nicht einig sind? Was tun Sie dann?

Nadja Beinert: Wir müssen immer eine Lösung finden. Wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, versucht die eine, die andere von ihrer Idee zu überzeugen. Wenn beide Lösungen für den jeweils anderen nicht funktionieren, machen wir etwas ganz anderes aus der Szene – gehen einen dritten Weg.
Claudia Beinert: Wir diskutieren so lange bis eine Lösung gefunden ist. Wir werden oft gefragt, ob wir uns auch mal streiten… machen wir auch mal. Nadja Beinert: Oder besser gesagt, wir diskutieren. Das können wir stundenlang ...

Sie lassen die Leser sehr viel teilhaben an Ihrer Recherche? Warum?


Claudia Beinert: Es ist ja kein Geheimnis. Wir finden es schön, unsere Leser daran teilhaben zu lassen.
Nadja Beinert: Viele Leser fragen auch bestimmte Sachen nach. Dass wir so viel zeigen, kommt dem Interesse der Leser entgegen.
Claudia Beinert: Das stimmt, das ist die Antwort. Die Leute interessiert es. Die Leser wollen wissen, was sind das für Menschen, die so ein Buch schreiben und wie machen die das? Und wir wollen auch zeigen, dass es spannend und lebendig sein kann, sich mit Geschichte zu beschäftigen.

War Ihr erstes Buch „Die Herrin der Kathedrale“ eigentlich darauf angelegt, ein Mehrteiler zu werden?


Nadja Beinert: Nein, dass stellte sich im Laufe der Lesereise heraus. Wir merkten, dass das Buch erfolgreich ist, die Leser fragten nach, wie es denn weiter geht.
Claudia Beinert: Wir hatten einen Erzählstrang offen gelassen, um eventuell weiter machen zu können, aber geplant war das nicht. Wir wollten, dass noch Potential ist, wenn uns Leute fragen und dann haben wir uns gesagt: „OK, dann machen wir noch einen zweiten…“

Arbeiten Sie schon an einem neuen Projekt?


Nadja Beinert: Ja wir schreiben schon an unserem fünften Roman. Der erscheint im Frühjahr 2018. Aber wir dürfen leider noch nicht verraten, wovon es handelt.

Ein kleiner Hinweis?

Claudia Beinert: Es geht wieder um einen sehr bekannten Mann, den wir durch die Augen einer noch unbeleuchteten Frau betrachten.
Nadja Beinert: Ein Mann den jeder kennt, eine Frau die wenige kennen.
Claudia Beinert:
Es ist ein historischer Roman mit einem Thema, das heute wieder aktuell ist. Aber bitte nicht raten!

Liebe Nadja Beinert, liebe Claudia Beinert – vielen Dank für das Gespräch.