Den Personen im Buch begegnen ...

Ulrich Schacht (Foto: Stefanie Schacht)

Ulrich Schachts Biografie liest sich wie ein Roman: geboren im Frauengefängnis Hoheneck, in dem seine Mutter inhaftiert war; der Vater ungekannt. Über das ereignisreiche, durchwirbelte Leben und die Suche nach seinem Vater schrieb Schacht bereits ein Buch. Nun verbindet er Biografisches mit Fiktivem. Heraus kam "Notre Dame". Kulturfalterredakteurin Anne-Marie Holze sprach mit ihm über das Buch.

Kulturfalter: Ihr vorletztes Buch war der „Vereiste Sommer“, in dem es um die Suche nach Ihrem russischen Vater, also etwas sehr Autobiografischem, geht. Ihr jetziges Buch „Notre Dame“ dagegen ist ein Roman. Welche Konsequenzen hatte es für Sie, nun eine andere Textsorte anzufassen?


Ulrich Schacht: Der „Vereiste Sommer“ ist ja ein ganz an der Wirklichkeit orientiertes, in wesentlichen Teil sogar dokumentarisches Buch. Darin gibt es auch reflexive Passagen, die über den exakten historischen Stoff hinausführen, ihn deuten, aber insgesamt ist es ein autobiografisches Familienbuch über eine bestimmte Geschichte im Zusammenhang mit meinem Leben und alles ist überprüfbar oder gedeckt durch Realitäten, die präzise, also zeitgenau rekonstruiert werden oder dokumentiert. Der Roman ist naturgemäß vollkommen anders aufgebaut. Da ich aber grundsätzlich aus autobiografischen Stoffen schöpfe, auch in meiner fiktional angelegten Prosa, finden sich natürlich für Kenner meiner Biografie auch hier Elemente – in Variationen – meines Lebens wieder. Dennoch wird ein biografischer Stoff aufbereitet, der ein Vierteljahrhundert zurückliegt. Schon der zeitliche Abstand sorgt also dafür, dass man niemals eine Eins-zu-Eins-Perspektive herstellen kann, weil man ja nicht als wandelndes Tonbandgerät durch die Gegend läuft und alles exakt speichert. Man muss es aus der Erinnerung schreiben, manchmal helfen Tagebücher, Brief, Fotos, Dokumente, auch in vorliegendem Falle war das so. Das Zweite ist, dass der autobiografische Stoff quasi mit fiktiven Elementen und Szenen fortgestrickt wird. Das ist der Unterschied zwischen diesen beiden Büchern, geht es um die Textsorte an sich. Wenn man an Uwe Johnsons "Ingrid Babendererde" denkt oder "Fluchtpunkt" von Peter Weiss, findet man Erzählmodelle, die hier inspirierend gewirkt haben, ohne kopiert zu werden.

War die Hauptintention, das Biografische mit der Fiktion zu verknüpfen?

Der autobiografische Stoff im vorliegenden Falle ist ja keineswegs eine banale Geschichte. Da passieren spannende, dramatische Dinge. Die Amour fou, um die es im Kern geht, findet in einem exorbitanten geschichtlichen Rahmen, einem Umwälzungsprozess, statt, der an Dramatik kaum zu überbieten ist, zugleich konterkariert sie aber praktisch alle biografisch begründeten Intentionen des Helden, jedenfalls seine politischen Neigungen und Absichten, die immer von dieser historischen Situation als Vision bestimmt waren, im Moment ihres Eintretens auch aktiv einzugreifen. Aber durch die vollkommen überraschende Liebesgeschichte, die ohne den Fall von Mauer und Regime ja gar nicht möglich geworden wäre, ist der Held Torben Berg, einst politischer Häftling im gerade untergehenden System, von Stund an für alles Politische so gut wie ausgeschaltet, ganz davon abgesehen, dass er ja eine Familie hat, ein ziemlich harmonisches Leben, wie seine junge Geliebte Rike einen Freund - beide geraten durch ihre Leidenschaft in ein traumhaft schönes und zugleich heilloses Beziehungsgelände mit allen Höhepunkten und Niedergeschlagenheiten, um am Ende eben doch nicht zusammenzukommen. Die biografische Authentizität der Stoffe hat dafür gesorgt, dass ich mich als Autor radikal auf diese Geschichte einlassen konnte als Stoff. In der Konsequenz habe ich in zwanzig Jahren eine Komposition erarbeitet, die den Stoff aufbereitet, und in vierjähriger Schreibzeit diesenText im Kopf konkret werden lassen auf dem Papier. Ich versuche zugleich immer so zu erzählen, dass die Form das Atmosphärische trägt, nicht erschlägt oder abwürgt. Es geht um Verdichtung, selbst in Momenten, wo es um scheinbar Alltägliches geht. Dialoge, die nicht aufgesetzt wirken, sondern zutiefst natürlich, glaubwürdig, situativ so spontan wie im wirklichen Leben.

Die Form muss also den Inhalt unterstützen?


Ihn sogar tragen, so dass man über die Form einen Grund betritt, von dem aus man sich durch die Geschichte bewegt, ohne, dass man ständig darüber nachdenkt. Natürlich ist es trotzdem eine komplex strukturierte Geschichte.: Man muss schon "hingucken", wo ist man gerade ist, zu welcher Zeit, an welchem Ort, weil über das Verfahren der Rückblende, die nicht direkt angekündigt wird, die Geschehensebenen ineinandergreifen. Vor allem aber muss man erkennen, dass sich die Liebesgeschichte in einem Zeitrahmen abspielt, der ganze drei Tage in Paris umfasst, nachdem schon alles, also das Erzählte, ein Jahr zurückliegt, alles also ein Erinnerungsstrom im Kopf eines Menschen stattfindet, der alleine das Jahresende 1991 in Paris verbringt. Aber das ist nicht verkünstlicht. Ich verkompliziere nichts. Wir alle kennen das ja von uns selbst, wenn wir uns erinnern, dass wir ständig auf unterschiedlichen Erinnerungs- und Realitätsebenen leben. Immer zeitgleich und parallel. Das ist auch die Struktur des Romans.

Hatten Sie auch Ängste, zu viel von sich preiszugeben?

Es geht mir nicht um Exhibitionismus, um Selbstausstellung, sondern, wenn man es abstrahiert, um ein Modell: Dass ein Mann zwischen zwei Frauen steht, kommt in der Geschichte seit ewigen Zeiten vor. Die Konstellation ist also ganz und gar nichts Neues. Aber jede neue Konstellation dieser Art ist eine Ur-Eigenes. Und dadurch eben ist sie alt und neu zugleich. Diese Dialektik sorgt letztendlich dafür, dass eine solche Konstellation nicht veraltet, sondern immer aktuell bleibt in dem Sinne, dass sie erzählt werden muss und gelesen werden kann als eine Neuigkeit über den jeweiligen Zeitgenossen und seine Zeit, der sie liest, weil sich für viele Menschen Ähnliches, Vergleichbares im eigenen Erleben spiegelt. Dafür muss man als Autor insofern den Preis zahlen, als man ganz und gar Eigenes preisgibt, ins Erzählspiel bringt, ohne die Personen, die in diesem Erzählspiel auftreten, denunzieren oder gar entlarven, vorführen zu wollen. Sie müssen nur glaubwürdig sein, selbst in den radikalsten Momenten ihrer Verstrickung, ihrer Leidenschaft, ihrer Verzweiflung, ihrer positiven wie auch ihrer Schuldgefühle anderen gegenüber. So entwickeln sie im Text das dynamisches Eigenleben, das den Leser zu fesseln vermag und die Grundsituation zum nachvollziehbaren Erfahrungsmodell werden lässt, nicht in pädagogischer Absicht, aber in einer Art tremendischer, erschütternder, die abstrahlt auf den Rezipienten, der existenziell mehr über sich erfährt, indem er von anderen hört und liest, und das in einer Sprache, die dem Geheimnis aller Ästhetik, dem von Sinn und Sinnlichkeit, entspricht. Am Ende muss es so sein, dass man nicht mehr dem Autor begegnet, sondern den Personen im Buch: Mit ihnen lebt, liebt, fiebert, leidet oder auch glücklich ist.

In „Notre Dame“ werden politischen Themen und eine Liebesgeschichte verhandelt – die perfekte Mischung für Sie?

Eine Liebesgeschichte, die in Deutschland unmittelbar nach dem Mauerfall spielt, kann nicht unpolitisch sein. Die Herausforderung für mich – auch, weil ich ja im „normalen“ Leben involviert und zu dieser Zeit, wie der Protagonist des Romans, Journalist war – war, den politischen Prozess zwar als Hintergrundrauschen wahrnehmbar zu machen, nicht jedoch vordergründig werden zu lassen, kulissenhaft. So werden die Namen der seinerzeitigen Politiker natürlich nicht genannt, es gibt keine politischen Kürzel wie SED, FDJ oder MfS, und trotzdem weiß jeder, der sich auf den Roman und sein Geschehen einlässt, wann die Sache wo spielt, worum es geht, nichts bleibt unklar. Es war mir jedenfalls von Anfang an wichtig, dass die politische Komponente, die die Hauptfigur ja durchaus grundiert, zurückgenommen wird. Ebenso wichtig war es mir, keinerlei Abrechnungsgestus in den Roman zu lassen, nach rückwärts quas zu moralisieren Die Dinge sind sowieso klar, da musste gar nichts forciert werden. Denn entscheidend ist, dass diese völlig überraschende Liebe beider Leben so radikal bestimmt, verbindet und verstört in einem, wie es geschieht, sie quasi aus der Zeit katapultiert, aus allen bisherigen privaten Lebensverhältnissen, dass die bisherige Welt plötzlich zweitrangig wird. Die Grundfrage, die Roman zuerst und zuletzt stellt, ist die Frage, was geschieht mit uns, wenn die Unbedingtheit der Liebe eintritt?

Kann die Liebesgeschichte und die starke Abhängigkeit beider Figuren voneinander vom Leser nur so nachempfunden werden? Weil alles Politische in den Hintergrund rückt?

Mit Sicherheit. Beide stecken in dieser unerwarteten emotionalen Abhängigkeit, dass sie irgendwann erkennen müssen, ihre Beziehung ist so exorbitant, dass eine normale Möglichkeit, sie zu leben, kaum eintreten kann. Beide könnten diese aufzehrende Liebe also nur leben, wenn es sie alleine auf der Welt gäbe, quasi wie Adam und Eva. Sie müssten sich also in ein paradiesisches Utopia flüchten, aber das wäre schließlich identisch mit dem Nichts. Da Torben Berg jedoch ein Kind hat, ist ihm das zuletzt eben nicht möglich. Die Tochter ist deshalb die entscheidende Frau, die immer zu ihm gehört und die er nicht verlassen kann. Während seine von ihm verratene Frau ihrerseits die Ehe aufkündigt und er alleine zurückbleibt und von Paris aus auf das Trümmerfeld blickt, aber dann seinen Blick nach vorne lenkt und sich der offenen Zukunft stellt, im Wissen darum, aus einer bestimmten moralischen Perspektive, die sich im Titel des Romans ja andeutet und auflöst durch spirituelle Entlastung, gefehlt und trotzdem die Chance eines neuen Lebens zu haben.

Der Gedanke, was man bereit wäre zu geben und aufzugeben, ist auch für den Leser spannend.

Aber ich glaube, auch wenn es am Ende nicht gelingt, dass das Glück keine Angst vor ihm hat, wie es ihm seine Tischnachbarin, eine ältere französische Dame, die deutsch spricht, prophezeit, während des Silvesterabends in einem Restaurant, wo sie zufällig nebeneinandersitzen.

Es gibt auch andere Romane, die sich um den Fall der Mauer drehen. Ist der Zusatz der Liebesgeschichte das Besondere an Ihrem Buch?

Ich glaube schon, dass durch die Liebesgeschichte eine ganz andere radikale Emotionalität ins Spiel kommt als üblich, die das Ausmaß des Umwälzungsprozesses noch viel mehr verdeutlicht, sinnlich werden lässt, den Charakter der welthistorischen Stunde in von ihr erfasste Charaktere überführt und plastisch werden lässt, obwohl aus der Weltgeschichte plötzliche ein reine Privatgeschichte zu werden scheint. Das geht sichtbar in die Seele, über alles äußere Geschehen hinaus. Ich könnte mir vorstellen, dass das ein Alleinstellungsmerkmal ist.

Was den Heimatbegriff betrifft, scheint der Hauptcharakter ziemlich hin- und hergerissen zu sein. Welche Frau, welche Stadt, was ist für ihn Heimat?

Zunächst natürlich seine Heimatstadt Wismar, auch wenn diese namentlich nicht genannt wird. So sagt er, als er wieder für ein paar Stunden nach langer Abwesenheit zurückgekehrt ist: „Hier ist alles ich.“ Mehr Heimat kann man gar nicht empfinden. Trotzdem zweifelt er, als es geschieht, ob es richtig war, zurückzukehren. Man sieht etwas zutiefst Vertrautes, den Kindheits- und Jugendort, der einen geprägt hat wie kein anderer, aber man weiß zugleich: Es ist vorbei. Diese schmerzhafte Dialektik besteht, wird unaufhebbar. Der Erfahrungswert Heimat bleibt zwar, aber die Heimat als unmittelbarer Lebensort ist, wie in diesem Falle die zerstörte Familie auch, Geschichte.

In Ihrem Buch gibt es zahlreiche Literaturbezüge, Einstreuungen in den Kapiteln. Wie haben Sie diese ausgewählt?

Es gibt Lektüre-Zitate, die für den Protagonisten eine gewisse existentielle Bedeutung haben, auch eigene Gedichte. Torben Berg ist nicht nur Journalist, sondern auch Dichter, und seine Gedichte haben ja quasi eine Auslöserfunktion für das, was nach der Erstbegegnung zwischen ihm und Rike in der Leipziger Moritzbastei Anfang Dezember 1989 passiert. Die Hauptfigur des Romans wird also nicht nur marginal bestimmt durch ihr Verhältnis zur Literatur und dem gedruckten Wort, was sie mit der Geliebten übrigens stark verbindet. Ich kann dabei nur hoffen, dass das nicht aufgesetzt erscheint, wie Bildungshuberei. Doch dafür ist es wiederum ziemlich sparsam, dramaturgisch gesetzt; beide sind nun einmal stark interessiert an Kunst, Literatur, Film. Deshalb reden sie darüber, finden sich darüber, erkennen sich darüber als verwandte Seelen, die diese Nähe schließlich ins Erotische überführen und sich darin ausleben an Orten wie Leipzig und Hamburg, Paris und Glasgow, die wiederum nicht gesuchte Exklusivitäten sind, sondern sich aus der Logik der Handlung ergeben und den Voraussetzungen der Protagonisten.

Gibt es ein weiteres Projekt, an dem Sie sitzen?

Ich habe vier Jahre an „Notre Dame“ gearbeitet und muss jetzt erst einmal alles sacken lassen, mich quasi erholen von dem Parforceritt in mehrfacher Hinsicht. Es gibt aber schon eine neue Erzählidee, einen Titel, ein Genre und erste Seiten: Eine Novelle, die ebenfalls in vergangenen, aber viel weiter zurückliegenden Zeiten spielt und sich dennoch in der Jetztzeit auflöst. Sie heißt: „Der Gerichtssaal, das Mädchen und die Zeit“. Sie versetzt uns in die Jahre um 1970 in der ehemaligen DDR. Eine Studentenliebe in einer nordostdeutschen Universitätsstadt, ein anderer Liebesverrat, der eines jungen Mädchens an einem jungen Mann, ein politisch grundierter dieses Mal. Und doch gibt es, Jahrzehnte später, ein moralisches Happyend. Mehr soll hier aber nicht verraten werden.

Lieber Herr Schacht, vielen Dank für das Interview.