Preis der deutschen Filmkritik für Havarie von Philip Scheffner

Der Dokumentarfilm Havarie des von der halleschen Werkleitz Gesellschaft unterstützten Filmemachers Philip Scheffner wird mit dem Preis der deutschen Filmkritik für den besten Experimentalfilm 2016 ausgezeichnet.

 

Die Jury begründet die Entscheidung folgendermaßen: "Mit ihrer radikalen Entscheidung für die Konzentration auf eine dreieinhalb-Minuten-Aufnahme haben Philip Scheffner und Merle Kröger ein großes Risiko gewagt – und damit eine Ikone geschaffen. ?Havarie“ zeigt die Sequenz, die auf Youtube veröffentlicht wurde, in Einzelbild-Abfolge und dehnt sie so auf die Länge von eineinhalb Stunden. Im Off eine Collage von Stimmen: in den Zwischenräumen der Einzelbilder entstehen die Geschichten der Menschen wie Gespenster- und Geistergeschichten. Zugleich macht uns der Verweis auf die Position der Kamera bewusst, wo wir uns als Zuschauer bei diesem unfassbaren Drama von Menschen in Booten, die sich infolge der europäischen Grenzpolitik in Lebensgefahr begeben müssen, befinden: auf dem Deck des Dampfers in der Sicherheit des festen Schiffs, der Comfortzone des Urlaubers."

Als einziger deutscher Filmpreis, der ausschließlich von Kritikern vergeben wird, zeichnet der Preis der deutschen Filmkritik seit 1956 deutsche Filme aus, die nicht nach wirtschaftlichen, länderspezifischen oder politischen Kriterien bewertet werden, sondern ausschließlich nach künstlerischen. Über die Preisvergabe entscheiden Jurys aus Mitgliedern des Verbandes der deutschen Filmkritik.

Und darum geht es in dem Film: Am 14.9.2012 um 14:56 Uhr meldet das Kreuzfahrtschiff "Adventure of the Seas" der spanischen Seenotrettung die Sichtung eines havarierten Schlauchbootes mit 13 Personen an Bord. Aus einem Youtube-Clip und biografischen Szenen entsteht eine Choreografie, in der sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Reisenden auf dem Mittelmeer spiegeln.

Der Funkverkehr zwischen dem Kreuzfahrtschiff, der Zentrale im Hafen von Cartagena, dem Seenotrettungskreuzer "Salvamar Mimosa" und dem Helikopter "Helimer 211" strukturiert den akustischen Raum des Films. Auf der Bildebene zieht sich der filmische Raum zu einer einzigen, ungeschnittenen Sequenz zusammen, die sich über die gesamte Laufzeit des Films wölbt. Es ist ein kurzer Youtube-Clip, der uns heute wie die Essenz, die Verdichtung der Situation auf dem MiQelmeer erscheint.

In Einzelbildern wird das Schlauchboot mit 13 Gestalten an Bord zur Ikone der täglichen Nachrichtenbilder, wir sind gezwungen hinzusehen. Aus Aufnahmen mit Touristen und Offizieren auf dem Cruise Liner, mit der Besatzung eines Containerschiffes, mit Harraga, les bruleurs - "die ihre Pässe verbrennen", und ihren Familien werden die biografischen Fluchtlinien des dokumentarischen Materials in eine filmische Imagination hinein verlängert. Es entsteht eine Choreografie, in der sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunj der Reisenden spiegeln: Wird ein anderer, ein neuer Möglichkeitsraum sichtbar, wenn sie sich erneut – im filmischen Raum – begegnen?

Weitere Infos gibt es hier: havarie.pong-berlin.de